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Unterricht und Lerninhalte an Süd-Tirols Schulen

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In diesen Tagen werden in Konferenzen, Fachgremien, pädagogischen Tagungen die Vorbereitungen für den Beginn des neuen Schuljahres getroffen. Es wird ein besonderes Jahr: Hatte man geglaubt, die Schule könne nach den Reformen Rücknahmen, Änderungen usw. endlich zur Ruhe kommen, stellt sich jetzt heraus, dass alles andere zu erwarten ist. Vieles hängt wieder in der Luft, die neue Unterrichtsministerin in Rom will Neuerungen zurücknehmen, das bringt neue Verunsicherung, statt Klarheit.

Süd-Tirol hat keine
Schulhoheit, ist an die Weisungen aus Rom gebunden. Die Lehrer brauchen
aber endlich klare Orientierung. Mit den Neuwahlen Ende Oktober tritt
der bisher für die deutsche Schule zuständige Landesrat Otto Saurer
zurück, und der neue Landesrat/ die neue Landesrätin für diesen
wichtigen Bereich wird möglicherweise erst mit 2009 die Tätigkeit
aufnehmen und sich erst einmal einarbeiten müssen. Manche dringenden
Entscheidungen werden in dieser Zeit liegen bleiben.

Bei voller Anerkennung von Lehrfreiheit und Befürwortung einer aufgeschlossenen, modernen Schule stellt sich jedoch immer mehr heraus, dass es dort, wo es um  Erhaltung der deutschen und ladinischen Volksgruppe geht, klare Zielvorgaben von Seiten der Politik braucht. Es ist zu befürchten, dass auch die nächsten politischen Verantwortungsträger für die deutsche und ladinische Schule nicht das nötige Verständnis und Gespür für die Wichtigkeit und Bedeutung des gemeinsamen Tiroler Kulturerbes aufbringen werden. Wie sonst ist es zu erklären, dass man es nicht für sinnvoll und notwendig erachtet hat, im neuen Bildungsgesetz die Vermittlung des Tiroler Kulturerbes festzuschreiben?

Viele Schülereltern haben uns in den letzten Jahren und Monaten darauf hingewiesen, dass in Schulklassen kein bisschen Tiroler Geschichte und Landeskunde vermittelt wird. Was der Mensch, auch der Jugendliche, nicht kennt, das kann er auch nicht schätzen und weitergeben. So wird schneller, als wir denken, das Wissen um die Tiroler Geschichte, damit auch um unsere eigene Vergangenheit und damit unsere Wurzeln, in der breiten Masse verschwinden. Diese Lücken werden mit anderen Inhalten gefüllt. Die Geschichte Italiens, Europas und der Welt sollen Lerninhalte bleiben, aber die erste Erfahrung des Geschichtsunterrichts soll sich an Vertrautem orientieren und Bekanntes vertraut machen. Das sind der Ort, in dem man geboren wurde, das Tal oder die Stadt, in dem, in der man lebt, und das Land, das die angestammte Mehrheit sprachlich und kulturell immer noch prägt.

Häufig wird bestätigt, dass Schüler von der Volksschule bis zur Matura drei Mal mit denselben Lerninhalten gefüttert werden: Geschichte Italiens, Geschichte des Altertums, des Mittelalters, der Neuzeit, Französische Revolution, Erster Weltkrieg und vielleicht noch ein Teil des Zweiten Weltkrieges. Völlig ausgespart dabei die Geschichte Tirols und Landeskunde mit all dem, was die eigentliche Identität prägt: Das Wissen um die eigene Herkunft, um die jahrhundertealten Bande mit den anderen Tiroler Landesteilen und Talschaften, um die Orte und Bräuche in Tirol. In dieses Vakuum stößt immer mehr ein anderer Patriotismus vor: der italienische. Wenn Süd-Tiroler Kindern die Liebe zur italienischen Trikolore eingepflanzt wird, darf man sich nicht wundern, dass sich später immer mehr Erwachsene als Italiener bezeichnen werden, die auch Deutsch sprechen. Auf diese Weise wird Süd-Tirol immer mehr auch geistig- kulturell ein integrierter Teil Italiens, mit der Folge, dass letztlich auch die deutsche Sprache vernachlässigt und durch die italienische ersetzt wird.

Da häufig weder unsere Geschichte, das Tiroler Brauchtum und Kulturgut, man denke an das Liedgut, vermittelt wird, kommen junge Leute in seelische Zerrissenheit: sie wissen nicht, wohin sie gehören, weil sie über ihre eigene Vergangenheit, also ihre Wurzeln, nichts wissen. Gerade in einer globalisierten Welt jedoch ist es wichtig, seinen Platz zu haben, an dem man sich wohl und geborgen fühlt. Geborgenheit kann aber nur mit Vertrautheit entstehen: die Einheit zwischen dem, was man lebt und dem, was man nach seiner Herkunft und Umgebung ist.

Die Süd-Tiroler Lehrpersonen werden daher ermuntert und bestärkt, die Schüler mit dem reichen Tiroler Kulturerbe vertraut zu machen, ihnen die Geschichte Tirols zu vermitteln und die Liebe zum eigenen Kulturkreis ins Herz zu pflanzen. Sie können sich darauf noch auf die alten Lehrpläne stützen, die Gültigkeit haben, solange die neuen nicht in Kraft treten. Dies wird sicher nicht in diesem Schuljahr der Fall sein, weil es bisher nur Entwürfe gibt. Diese müssen dann im Landesschulrat diskutiert werden und kommen erst dann zur Genehmigung in die Landesregierung. Der Landtag wird damit leider nicht befasst.  

In den noch geltenden Lehrplänen ist unter allgemeinen Grundsätzen und Zielen für die Grundschulen mit deutscher Unterrichtssprache folgender Auftrag festgeschrieben: "Die Liebe zur Heimat Tirol, die bewusste Teilnahme an der heimatlichen Kultur und die Achtung vor der Überzeugung der Mitmenschen erhalten ein besonderes Gewicht… Die Schule setzt sich in der Erziehung dafür ein,…dass das Kind den Wert der eigenen Gemeinschaft und der Muttersprache  erkennt und darin gefestigt wird…".

Auch im Hinblick auf das große Tiroler Gedenkjahr bietet sich dieser Auftrag zu besonderer Berücksichtigung an. Die Jubiläen haben wenig Sinn, wenn Kinder und Jugendliche nicht oder kaum darauf eingestellt werden. Die jungen Leute sind nämlich die Kulturträger für die Zukunft! 

Jede einzelne Lehrperson trägt Verantwortung nicht nur für den Lernfortschritt und die Wissensvermehrung der Kinder und Jugendlichen, sondern auch für den Fortbestand unserer Tiroler Heimat, unserer Sprache und Kultur.

Die Bewegung SÜD-TIROLER FREIHEIT drängt darauf, dass in den neuen Lehrplänen dieser Auftrag festgeschrieben wird. Erinnert sei dabei an moderne Beispiele patriotischer Selbstverständlichkeit. Im katalanischen Autonomiestatut ist der Auftrag für alle öffentlichen Einrichtungen festgeschrieben, die nötigen Maßnahmen zu ergreifen, um allen den Zugang zum katalanischen Kulturerbe zu erleichtern und die Vermittlung und Erhaltung des Geschichtsbewusstseins als kollektives Vermächtnis zu sichern.

Die Schule ist unser erstes Kulturhaus, mahnte Dr. Josef Rampold an. Wir fügen hinzu: es ist auch unser wichtigstes!

Lt. Abg. Dr. Eva Klotz

photo_pk_schule_verkleinert.jpgv.l.n.r.: Sven Knoll, Eva Klotz, Cristian Kollmann, Erika Unterkalmsteiner

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