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Sprachlich- kultureller Niedergang infolge falscher Schul- und Bildungspolitik und die Aussichten

pressekonferenz_sf_bozen_01_kopie.jpgSeit Jahren warnen wir vor einer Entwicklung in Südtirol, an deren Ende der Niedergang und Auflösung einer ethnischen Gemeinschaft stehen, so wie es im Elsass bereits der Fall war und wie es sich und im Aosta- Tal unaufhaltsam und unumkehrbar abzeichnet. Etienne Andrione zeigte heute vormittag auf einer Pressekonferenz der SÜD-TIROLER FREIHEIT am Beispiel seiner einstmals zu 95% frankophonen Heimat schonungslos und scharfsinnig die Etappen der Unterdrückung, Assimilierung und Auslöschung der frankophonen Volksgruppe durch Italien auf.

Als verheerend wirkten sich dabei die verfehlte Schul- und Bildungspolitik aus. Unter dem Deckmantel der "perfekten Zweisprachigkeit" wurden die Schulen und Bildungsstätten zum Instrument systematischer Italienisierung. In der irrigen Meinung, den eigenen Kindern mit der frühzeitigen Akkulturation Gutes zu tun, betrieb man in Wirklichkeit die Aufweichung der eigenen ethnischen Wurzeln und die Zerstörung von Sprache, Kultur und letztlich Identität.

Parallelen zur heutigen Entwicklung in Südtirol sind durchaus gegeben, und Etienne Andrione schildert anhand des eigenen Lebensweges den Zustand seiner Volksgruppe, die den Prozess der Assimilation bereits hinter sich hat.

Die Südtiroler laufen Gefahr, sich dem gleichen Schicksal auszuliefern: sie fühlen sich zu sicher, erkennen die langfristigen Folgen von Gutgläubigkeit, Gleichgültigkeit und Leichtfertigkeit nicht und vernachlässigen Muttersprache und Kulturerbe. Sie lassen sich von vermeintlichen Vorteilen blenden und vergessen auch ohne äußeren Druck die eigene Geschichte und Identität. Die psycho-moralische Entfremdung ist in Südtirol längst im Gang, und es bildet sich zusehends eine gemischte deutsch- italienische Gesellschaft mit italienischem Patriotismus heran.

Auf diese Weise ist es eine Frage der Zeit, bis die Tiroler Mehrheit in Südtirol in die Minderheit gerät, dann ist der Weg in die gänzliche staatliche italienische Abhängigkeit vorgezeichnet, und es gibt keine Umkehr mehr. Sobald Italien sicher ist, dass sich die Mehrheit der Südtiroler bzw. Altoatesinen für den Verbleib bei diesem Staat aussprechen wird, weil sie sich damit bereits identifiziert, wird es die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes selbst vorantreiben und die Volksabstimmung durchführen!

Angesichts und eingedenk der vielen Opfer, die für die Erhaltung von Sprache, Kultur, Heimat und Freiheit gebracht worden sind, angefangen bei  Katakombenlehrern, Persönlichkeiten wie Kanonikus Gamper, Josef Ferrari und vielen anderen bis herauf zu den Freiheitskämpfern, müssen sich die Südtiroler  ihrer eigenen Wurzeln besinnen und sich ihrer Verpflichtung gegenüber unserer Jugend bewusst sein: auf dass auch die kommenden Generationen als Tiroler eine Zukunft in der eigenen Heimat haben. Südtirol ist nicht Italien und darf nicht Italien werden! Der Bildungs- und Kulturpolitik fällt dabei eine bedeutende Rolle zu! In diesem Lichte ist auch das neue Schulgesetz zu sehen und zu prüfen!

Lt. Abg. Dr. Eva Klotz
18.04.2008

 
{tab=Daten und Angaben}

 

1. 1858: Die frankophone Bevölkerung beträgt lt. Volkszählung des Königreichs Sardinien über 95% der Valdotains; zum Zeitpunkt der Entstehung des Königreichs Italien kann das Aostatal mit den höchsten Prozentsatz alphabetisierter Bürger vorweisen.

2. 1884:
Italienisch wird als Schulsprache dem Französischen gleichgestellt,
nach einem ersten Versuch, Französisch einfach abzuschaffen und es
einfach mit dem Italienischen zu ersetzen.

3. 1919:
die Italienische Stiftung Gens wird ins Leben gerufen, mit dem Ziel,
die Einwanderung ins Aostatal aus dem Lombardisch-Venetischen Reiches
zu fördern, während die Auswanderung der Einheimischen ins Ausland
ungehindert ihren lauf fortsetzt (in Levallois-Perret, einem Vorort von
Paris, leben mehr Personen, die aus dem Aostatal stammen, als in Aosta
selbst).

4. 192? Die Stahlwerke von Cogne, die
größte Industrie des Aostatales, das trotz Verluste im Tal aus
politischen Gründen am Leben erhalten wird, werden von Mussolini
angewiesen, kein Personal aus dem Aostatal mehr einzustellen.

5. 1921:
nach der letzten italienischen Volkszählung (die 1946 entstandene
Republik wird dann keine sprachliche Volkszählung mehr durchführen
lassen), sind 88% der Einwohner des Aostatales frankophon.

6. 1922-1945:
Der Faschismus verbietet den Unterricht und selbst den Gebrauch der
französischen Sprache, italianisiert die Ortsnamen und bereitet sich
vor, auch die Familiennamen zu italianisieren.

7. 1932:
Die Kirche wechselt die Unterrichtssprache im Priesterseminar:
Innerhalb eines Jahres geht man vom Französischen zum Italienischen
über.

8. 1938: Der Faschismus verbietet, den
Kindern ausländischen Vornamen zu geben. Erst im Oktober 1966 tritt
dieses Verbot außer Kraft. Jetzt besteht im Aostatal ein Gesetz, das
gestattet, den eigenen Vornamen zu ändern, vorausgesetzt jedoch, dass
man davor geboren wurde und dass es glaubhaft gemacht werden kann, dass
die betroffene Person immer mit einem anderen als dem im Standesamt
eingetragenen Vornamen gerufen worden ist.

9. 1948:
Autonome regionale Verfassung, die die Gleichstellung beider Sprachen
im Unterricht vorsieht. Von der Italienischen Republik wird dies als
Einführung von 5 Unterrichtsstunden Italienisch und 5 Französisch in
der Woche gedeutet, und der Rest des Unterrichts erfolgt auf
Italienisch.

10. 1976: Einführung der
"vollständigen" Zweisprachigkeit: Die Hälfte der Fächer werden in einer
Sprache und die andere Hälfte in der anderen Sprache unterrichtet. Die
Lehrkräfte müssen Italiener sein und ihre Unterrichtsbefähigung in
Italien erhalten haben.

11. 1996: David Monti,
Staatsanwalt in Aosta, spricht während einer Gerichtsverhandlung von
"frankophoner Fauna" und bezeichnet die französische Kultur als
"Eurodisney". Er wird dafür nicht bestraft oder gerügt.

12. 19…-2009:
Eine beim breiten Publikum ausgelegte Werbekampagne bezeichnet die
Einwohner des Aostatales als raues Bergvolk, den Tieren nicht unähnlich
und sogar mit dem Geruch des Viehs ausgestattet. Als unzivilisierte
Rasse hätten sie von der Eingliederung ins Italienische Reich und sogar
vom modernisierenden Faschismus sehr profitiert. Man könne aber nicht
von einem anderen Volksstamm reden, da es nicht stimmen würde, dass sie
eine andere Sprache sprachen, sollte dies doch stimmen, dann würde es
sich um eine sagenhafte Vergangenheit handeln. Im Klartext: Sie würden
nicht als eigenständiges Volk existieren, sondern nur als menschliche
Sub-Kategorie, anders gesagt, als Untermenschen. Ein gerade im Tale
erschienener "Rap" (?) beschreibt den  durchschnittlichen Einwohner des
Aostatales: Ein Säufer, der ein mit Kuhmist beladenen "Ape" fährt.
Mehrere Politiker haben dem Autor gratuliert, niemand von ihnen hat ihn
getadelt.

 
{tab=Aostatal heute} 


13. 2001:
Erste breit und gründlich angelegte sprachliche Forschung im Aostatal
seit 1921 (7.250 Fragebögen, unterteilt nach Alterklassen, 79
Datenerfassungsstellen). Die frankophonen Muttersprachler stellen 2%
der Bevölkerung und 3/4 von ihnen wurden in Frankreich geboren. 12% der
Befragten erklären, ihre Muttersprache sei "Frankoprovenzialisch".

14. Noch ein Beispiel:

1921-1931 in Cogne Geborene.

Erklärte Muttersprache: Frankoprovenzalisch 100%, Italienisch 0%.

1977-1983 Geborene: Frankoprovenzalisch 0%, Italienisch 100%.

15. Nicht von der Regionalverwaltung subventionierte Publikationen auf Französisch: 0.

16. Tages- und Wochenpresse auf Französisch: 0.

17. TV-Sender auf Französich im neu eingeführten Digitalfernsehen: 0.

18. FM-Radiosender auf Französisch: 0

19. Französische Buchhandlungen: 0.

20. In Vorjahr ausgegebene Gelder für Studentenaustausch mit frankophonen Ländern: 10.000 Euro. Reisekosten der Regionalabgeordneten im Rahmen der offiziellen Frankophonie: 400.000 Euro.

21.
In den Oberstufen wird die "vollkommene Zweisprachigkeit" unter
Zuhilfenahme eines "Unterstützungslehrers" eingeführt. Ein
italienischer Lehrer des betreffenden Faches, dessen
Französischkenntnisse nicht ausreichen, um das Fach zu unterrichten,
wird von einem Französischlehrer unterstützt. Die Auswirkung dieser
Methode ist leicht vorstellbar, komisch oder tragisch, je nach
Betrachtungsweise.

22. Französische Professoren oder solche
französischer Muttersprachler in der neuen Universität des Aostatales
(zu 90% von der Regionalverwaltung finanziert): 0.

Einziges Masterstudium mit sprachlicher Ausrichtung: Italienisch- Unterricht für Ausländer

23. Universitäts- Kurse nur in französischer Sprache: 0.

24. Überlebenschancen ohne Italienischkenntnisse: 0.

25: Überlebenschancen mit alleinigen Italienischkenntnissen: Vorhanden.

26. Pflicht der Verwaltung, den Bürger in der von ihm gewählten offiziellen Sprache anzusprechen: Nicht vorhanden.

27. Pflicht, die Verwaltungsverordnungen zweisprachig zu veröffentlichen: Nicht vorhanden.

28. Offizielle Verwaltungsverordnungen nur auf Italienisch: 100%.

29. Pflicht für Richter und Staatsanwälte, Französisch zu sprechen/verstehen: Nicht vorhanden.

30.
Die Bevölkerung ist in etwa zu einem Drittel kalabresischer Abstammung
und unterstützt massiv die "Autonomistenpartei" UNION VALDOTAINE. Es
gibt viele Partnerschaften und Verbindungen aller Art mit Kalabrien,
insbesondere mit den Dörfern von San Giorgio Morgeto, San Luca und
Bovalino Marina. Die ‚Ndrangheta ist mit den ’ndrine Nirta, Iocolano,
Iaria, Forgiono, Torcasio, Asciutti, Grimaldi, Iamonte, Facchineri,
vertreten.

31. Das Aostatal ist Umschlageplatz für Rauschgift und
Waffen in Richtung Deutschland und Osteuropäische Länder über die
Schweiz; es ist auch ein Zentrum der Geldwäsche (Quelle: DIA,
Parlamentskommission Antimafia).

32. Das Aostatal befindet sich
seit mindestens 5 Jahren in einer Rezession. Die Regionalverwaltung
beschäftigt direkt 2.900 Personen, 1.000 weniger als die Lombardei.
Addiert man die Angestellten der Spielbank, die von teilverstaatlichten
Unternehmen und die anderer lokalen Verwaltungen, dann ergibt sich eine
Gesamtzahl der Personen, die im Öffentlichen Sektor arbeiten, die um
ein Vielfaches ähnliche Zahlen aus Kalabrien oder Sizilien übersteigt.
Heute kann man wahrscheinlich getrost sagen, dass das Aostatal die
italienische Region mit dem höchtsten "residuo fiscale" (?), mit dem
höchsten Staatsanteil an der Gesamtbeschäftigung und mit dem
niedrigsten Wachstum ist.

33. Das Aostatal ist eine
militarisierte Region. Ordnungskräfte (Carabinieri, Polizei,
Steuerfahndung) sind in etwa viermal so stark wie im italienischen
Durchschnitt vertreten, gezählt im Prozent der Gesamtbevölkerung. Hinzu
kommen noch die Geheimdienste, die sehr wahrscheinlich vertreten, aber
nicht quantifizierbar sind. Wenn man davon ausgeht, dass Italien den
höchsten Prozentsatz an Sicherheitskräften in der westlichen Welt hat,
dann kann man schon sagen, dass das Aostatal die am stärksten
militarisierte Region des Westens ist.

34. Die Sicherheit des
Palastes der Regionalverwaltung ist, der Wahl der "Autonomistenpartei"
UNION VALDOTAINE folgend, General Paolo Inzerilli, dem ehemaligen
Stabsleiter des SISMI und Gladios, anvertraut worden.

Dies sind einige Daten, die ich für besonders wichtig halte.

   

{tab=Weitere Infos}
pressekonferenz_sf_bozen_02_kopie.jpgEs
liegt auf der Hand, dass der Verlust der sprachlichen Identität und
eine gleichzeitige massive Militärpräsenz, ein Anstieg der Auswanderung
und eine massive Immigration, die organisierte Kriminalität und die
Inkompetenz, gelinde gesagt, der öffentlichen Verwaltung, sehr stark
miteinander korrelieren könnten.

Es ist nämlich
offensichtlich, dass Italien bewusst und aus Überzeugung das Ziel einer
vollständigen Entwurzelung der sozialen und sprachlichen Identität des
Aostatales verfolgt hat.
Die Mittel dazu:

Die
Umkehrung des Zahlenverhältnisses zwischen den frankophonen und den
italophonen Bevölkerungsanteilen. Dies ist geschehen einerseits mittels
einer massiven Einwanderung zuerst von Einwohner des Lombardo-Venetos
(Italische Stiftung Gens), später von Kalabresen (seit dem Ende der
30er Jahre) und anderseits mit der Förderung der Auswanderung von
Einheimischen aus dem Aostatal (1/3 der Bevölkerung zwischen dem Ende
des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts) und mit der Verwässerung
der Aostanischen "Besonderheit" in einem größeren Zusammenhang
(Abschaffung der Provinz Aosta und spätere "Wiedergeburt", aber in der
Gemeinschaft mit dem bevölkerungsreicheren Canavese).

Gewährung
und Ablehnung von Subventionen: Das Spektrum reicht vom
Gießkannenprinzip der Regierung Gava (1951), welche die Finanzierungen
aus Rom nur bei einem gefälligen Wahlergebnis (DC) vorsehe, bis zum
Gegenteil:1981 Steuersplitting der 9/10, einschließlich MWSt auf den Importen, was nach 1992
mit einer jährlichen Ersatztransferleistung fortgesetzt wurde. Minister
Andreatta soll dazu erklärt haben: "Die werden nie mehr Lust haben,
sich von uns zu trennen". Mit anderen Worten ging es hier um sehr hohe
und zum Teil nicht begründbare Geldtransfers, die eine sehr starke
Abhängigkeit vom Staat erzeugen.

Abschneiden der Minderheit von
möglichen Hilfsmitteln, die aus dem Ausland, insbesondere aus Europa
ihr zufließen könnten, mittels zwischenstaatlicher Abkommen und
insbesondere mittels der Vorstellung im Ausland eines Italien, welches
den Minderheiten Respekt und Großzügigkeit entgegenbringt. Sie werden
sogar in der Verfassung erwähnt. Frankreich, ein Land, welches für die
Anliegen der Minderheiten wenig empfindlich ist, die europäische
Frankophonie nicht unterstützt, grundsätzlich jedem Anliegen, das nicht
"nur eine Sprache für ein Land" vorsieht, feindlich gesinnt ist,
glaubte den Italienern sehr gerne.

Einschüchterung, tief
greifende Kontrollen und, falls nötig, die Repression seitens einer
zahlenmäßig sehr stark vertretenen Ordnungsmacht bar jeder
Verhältnismäßigkeit jeden Phänomens einer "Abweichung". Es hatte nie
Anschläge gegeben.

Vielleicht kamen auch andere, hässlichere
Mittel zur Anwendung, und nicht nur während der Duce-Zeit (1944,
Folterung und Ermordung von Emile Chanoux). Zwischen 1966 und 1972
verlor z.B. das Tal 3 der 4 gewählten Parlamentarier (zwei wurden
posthum gewählt) bei Flug- und Verkehrsunfällen. Ein Zufall ist hier
fast auszuschließen.

Einschließung der Sprachminderheit
in eine "Sammelpartei", die nach eigenem Gutdünken handeln und walten
darf, da sie sich selbst als Hüterin der Minderheit ernennt, die durch
Aufteilung der Kräfte bedroht würde. Die Zersplitterung ist in der Tat
gefährlich und die Sammelpartei manchmal nützlich. Aber die
Einflussnahme und die Manipulation der Sammelpartei wird somit möglich,
insbesondere wenn sie an der Macht ist und diese behalten will. Es
ist wie mit einer Burg: Solange der Feind draußen ist, ist sie ein
Schutz, wenn der Feind schon drin ist, wird sie zum Gefängnis.

Sprachliche
Unterdrückung. Diese vollzieht sich über verschiedene Wege: Gewalt,
mehr oder minder stark ausgeübt, je nach Zeit, Gesellschaft  und
Personen, die sie ausüben, Rassismus, und am tückischsten, Ignoranz.

Auf letzteres möchte ich näher eingehen:

Im
Aostatal ist die ethnisch- sprachliche Minderheit als erloschen zu
betrachten. Italien hat die Aostanische Besonderheit assimiliert,
besser gesagt, hat sie gänzlich zerstört und daraus einen italienischen
Brückenkopf an den Grenzen zu Frankreich und zur Schweiz gemacht. Wie
bereits erörtert, ist dieser Brückenkopf nicht ohne Makel.

Dies
alles konnte geschehen wegen des Ungleichgewichtes der Kräfte, des
Fehlens einer internationalen Unterstützung, einer besonders schwachen
einheimischen Geburtenrate, einer schädlichen Rolle der Aostanischen
Kirche (Bischof Imberti sprach 1932 von "italianisieren,
faschistisieren", als ob es sich dabei um gleichbedeutende Imperative
handelte), einer örtlichen Bourgeoisie, die in der Produktivität zu
wünschen übrig ließ und über wenig Selbstbewusstsein verfügte, daher
eines schwachen lokalen Widerstands, die sich, wie so oft, als
Sammelbecken von Wendehälsen, Verrätern und Spionen entpuppte.

Die
Wurzel dieser Schwäche und des Unvermögens, an eine Umkehrung der
Tendenz zu denken, liegt in der Unkenntnis der französischen Sprache
und der Aostanischen Geschichte, die in ebendieser Sprache geschrieben
ist. Indem Italien die Aostaner des Französischen beraubte, nahm es
ihnen die Fähigkeit, "aostanisch" zu denken. So wie George Orwell es in
1984 vorgesehen hatte. Es ist schwer, sich als etwas Anderes als
Italiener zu fühlen, wenn man nur Italienisch kann.

Das Projekt, die Bevölkerung intellektuell zu knechten und sie des ethnischen Bewusstseins und des Mittels, um es zu erlangen, der Sprache, zu berauben, wurde,
während und nach dem Faschismus, mit brachialer Gewalt vom Königreich
Italien verfolgt. Nach dem verlorenen 2. WK wird sich Italien
raffinierterer, wenn nicht noch wirksamerer Mittel bedienen. Der Betrug
ist das Hauptinstrument, damit wird jeder Widerstand im Keim erstickt.
Dieser Betrug hat einen Namen: "Zweisprachigkeit".

Die
Überlegung, an und für sich verführerisch: Jede Sprache bedeutet eine
Bereicherung der Persönlichkeit. Also sind zwei Sprachen besser als nur
eine. Und da man im Kindesalter besser Sprachen lernt, müssen bereits
Kinder beide Sprachen erlernen. Auch wird nicht-italienischsprachigen
Eltern empfohlen, mit dem Kind auch Italienisch zu sprechen, damit es
nicht benachteiligt, sondern die Wonne der Zweisprachigkeit voll
genießen könne.

Was dann geschieht: Das Kind entwickelt eine
instinktive sprachliche Unsicherheit, die es schlussendlich beendet,
indem es sich fast automatisch für die Stärkere der beiden Sprachen
entscheidet. Und, in einem Staat ist die Amtssprache immer die
stärkste, in Italien die italienische.  Dies ist die Sprache der
Verwaltung, letztendlich der legitimen Gewalt oder, nach Guy Heraud,
die Sprache des unwiderstehlichen Zwangs. Wer hier schreibt ist einer
der letzten Aostaner französischer Muttersprache. Er hat diese Sprache
mühsam wiedererlernen müssen, als er gemerkt hatte, wie sehr er
inmitten einer italienischen Umgebung sein Französisch bereits
italianisiert hatte, zuerst mit übernommenen Wörtern, dann auch mit
italienischen Sprachgebilden im Französischen. Die Ähnlichkeiten
zwischen beiden Sprachen erleichtern diesen Vorgang, darunter leidet
aber die "verfälschte" Sprache tödlich.

Die Lage in Südtirol ist
offensichtlich ganz anders als die im Aostatal, und der Gang der Dinge
wäre ein anderer, selbst wenn ihr versuchen würdet, unserem Beispiel zu
folgen. Dennoch verläuft alles nach demselben Prinzip: Den
Fuchs in den Hühnerstall einschleusen, im Namen des sozialen Friedens
und der kulturellen Bereicherung. Sobald der Fuchs kann, frisst er die
Hühner.

Es geht mir hier nicht darum, die wunderschöne
Kultursprache Italienisch zu schmähen, oder das Belpaese selbst, so
reich an Kunst und Intelligenz. Ich will auch nicht in sich
geschlossene und von der Welt abgesonderte Gemeinschaften erfinden,
selbst nicht den Vorteil leugnen, mehrere Sprachen zu beherrschen.

Aber
man muss wissen, dass ein zentralistischer Staat wie Italien, mit einer
faschistischen Vergangenheit, die nie wirklich zur Vergangenheit
gezählt hat, immer wieder zur Zerstörung seiner Minderheiten neigen
wird, mit der Gewalt und mit der Korruption, die schon für sich sehr
wirksame Waffen sind. Es wird aber auch zur besonders heimtückischen
Waffe greifen: Als Frieden zu verkaufen, was an sich ein hinterhältiger
Kleinkrieg ist.

Es ist nicht lustig, einer Minderheit anzugehören, es ist mühsam, aufzehrend.
Allein um zu überleben, musst Du ein Vollzeit-Extremist sein. Auf
einmal schlägt Dir jemand vor, den Rucksack abzulegen, und versichert
Dir, dass es kein Verrat ist, sondern nur der Anfang einer neuen Zeit,
wo es keinen Krieg mehr geben wird, weil es an Feinden fehlt. Man
machte sich lächerlich, jetzt noch mit dem Rucksack zu marschieren,
nicht wahr?

Nein. Der einzige Weg einer Minderheit, um zu überleben, ist unbeugsam zu bleiben.
Es wäre absurd, ihr vorzuwerfen, unbeugsam zu sein: Kein Volk sucht
sich das Schicksal aus, vor dem Gespenst der eigenen Zerstörung zu
stehen. Man sollte sich nicht wundern, wenn es zumindest versucht,
diese Perspektive von sich abzuwenden.

Vor Jahren besuchte ich
Südtirol und musste auf dem Heimweg heulen, ich hatte nicht ohne Neid
etwas gesehen, das meinen Vorstellungen über das Aostatal entsprach.
Vor kurzem bin ich wieder bei Euch gewesen und habe, bitte um
Verzeihung, auch hier die Symptome der Dekadenz festgestellt, des
Fehlens des Antriebs, des Auskostens einer günstigen wirtschaftlichen
Situation, des Vergessens der Vergangenheit im Namen der Modernisierung
und der Globalisierung, der substantiellen Anhänglichkeit gegenüber
Italien bei ausreichenden wirtschaftlichen Transferleistungen im
Gegenzug.

Ich kenne das. So fing unser Ende auch an. Unser tragisches und widerwärtiges Beispiel steht als Mahnung vor Euch.

Geld,
sei es viel oder wenig, je nach Strategie, welcher man sich bedient,
aber stets als Bedingung für die Kontrolle des Landes, als Absage an
das Ideal der Freiheit, als Einmischung in die Verantwortung für die
Erziehung der neuen Generationen verstanden.

Wenn
ich Dich nicht gleich vernichten kann, dann kaufe ich Dich und damit
kontrolliere ich Dich. Dann, sobald dies möglich ist, wandle ich Dich
um. Nicht zum Besseren, denn das war nicht der Zweck der Sache!

 Etienne Andrione

 {/tabs}

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7 Kommentar(e)

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1

ladinisch
Ich möchte darauf verweisen, dass die ladinische Minderheit in Italien (In Südtirol ist das jetzt etwas anders oder gleichbleibend) auch zusehends verschwindet. Z. B. in Friaul.

2

erschreckend
Dieses Beispiel zeigt auf, dass das Volkstum und die deutsche Sprache in Südtirol selbst mit der Autonomie nicht garantiert ist. Daher: Kämpft weiter für ein einges Tirol

3

Verleih uns Frieden gnaediglich, Herr Go
Tut mir leid fuer die Valdostainen, aber i seg so einen unmittelbaren Gefahr fuer die deutsche Kultur in Suedtirol wirklich net.

Brauche, Mundart, Glaube, Vereine, Trachten, sogar typische Produkten und Naehrungsmittel sind nicht nur erhalten geblieben, sondern lebendig. Und sie wachsen staendig, weil auch die deutsche Bewoelkerung zusammenwachst...

4

Bedrohung auch für STirol
Das ist eine ernüchternde Darstellung wie es Minderheiten im italienischen Staat ergehen kann.
Ich bedauere aufrichtig das Schicksal der französischen Minderheit im Aostatal.

Ich denke Süd-Tirol hat in vielen Punkten eine ähnliche Geschichte und steht heute vor den gleichen Problemen wie die Valdostain:
Faschismus, Ethnische Unterwanderung, Sprachvermischung und eine unberechenbare Sammelpartei.
Wie die Südtiroler hier leider eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen, denke ich, ist das Überleben und der Schutz der deutschen Minderheit
nur durch eine Selbstbestimmung und durch eine Los von Italien gesichert. Mit Österreich brauchen die Südtiroler nicht mehr täglich um ihre Sprache und Rechte kämpfen.
Italien hingegen, auch mit dem Bewußtsein einer unberechenbaren Sammelpartei, wird immer versuchen den Süd-Tirolern einen Ast abzuschneiden, entweder in großen Stücken oder sonst kleinweise.
Solange die Südtiroler in dieser italienischen Provinz verharren wie das Kanninchen vor der Schlange, werden sie immer dieser Bedrohung ausgesetzt sein.

5
Georgos Egger

Euro-Patch-Work
Gibt es etwa im nunmehr über die Köpfe der Bevölkerung hinweg ratifizierten EU-Reformvertrag irgend einen Passus, der den Schutz einer ethnischen Gemeinschaft und Kultur gewährleistet? Woher will man sich denn Unterstützung erhoffen? Bisher haben sich Kulturen in der Regel unter Druck besser gehalten als unter schleichender Unterwanderung und Verweichlichung — denn Druck erzeugt Gegendruck. Die Deutschtiroler südlich des Brenners müssen sich auf die eigenen Beine stellen. Auch wenn sie von Österreich einen mehr oder weniger fühlbaren Rückenwind erhalten haben — Hilfe sollten sie sich weder von Österreich noch von der plutokratischen Diktatur mit Namen Europäische Union erhoffen. Wie schaut es denn mit der durchschnittlichen Kinderzahl der Etschtiroler aus? Intakte Familien mit tiroldeutscher Muttersprache und einer Kinderzahl, die den italienischen Durchschnitt um das drei- oder vierfache übertrifft, schaffen die beste Grundlage für Fortbestand und Behauptung der ethnischen Gemeinschaft. Die materielle Verweichlichung unserer Gesellschaft muß man dabei freilich ablegen und neu lernen, auf Werte zu verzichten, die letztlich keine sind. Ein weltberühmter Psychiater soll gesagt haben: „Aufstrebende Kulturen sind stets puritanisch, niedergehende freigeistig bis hin zur Schamlosigkeit.“

6

Mir hat es nach dem Lesen des Artikels die "Gonsrupfn aufgstellt"...

7

"Patch-Work"
Bravo SF!

Genau das ist das fundamentale Thema für die gesellschaftliche Entwicklung in den nächsten 10 Jahren!
Ganz schlimm: Vor allem an der pädagogoschen Hochschule in Brixen wirken Leute, die an zukünftige Lehrende nur die Vorteile einer sogenannten Patch-Work-Identität in einer Ethno-gemischten Gesellschaft hervorheben!
Im Bildungswesen sind die Alt-68-Identitäts-Zersetzer sehr dominant.
Wer aber wollte die Uni unbedingt als Protzobjekt ohne die gesellschaftlichen Folgen miteinzukalkulieren???