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Leserbrief: Studie – Mehrsprachigkeit und Stottern

Cristian_Kollmann_Wahl_2008.jpgEs fällt auf, dass die Befürworter der mehrsprachigen Schule immer nur über deren Vorteile und nie über etwaige Nachteile reden. Und wenn die Befürworter bzw. betreffenden Parteien konkret mit Risiken eines derartigen Projekts konfrontiert werden, gehen sie darauf nicht ein oder sie versuchen, sie kleinzureden.

Ersteres war der Fall bei einer jüngst stattgefundenen Podiumsdiskussion in Brixen, Zweiteres zuletzt im Leserbrief von Gabriele Di Luca vom 19. September: Die von Hartmuth Staffler (Süd-Tiroler Freiheit) bei der Podiumsdiskussion erwähnte Studie, die besagt, dass der zu frühe Erwerb einer zweiten Sprache das Stottern fördern kann, interpretiert Herr Di Luca auf seine Art: "In Wirklichkeit wollte die Studie lediglich zeigen, dass für Personen, die stottern, die Herkunft aus einem mehrsprachigen Kontext ein Problem sein kann." Nach Herrn Di Luca ist das Stottern sozusagen angeboren, also schon da, bevor man überhaupt sprechen kann; und erst dieser Umstand könne den gleichzeitigen Erwerb von mehreren Sprachen erschweren. Herr Di Luca stellt damit die Studie praktisch auf den Kopf. Doch kann er seine durchaus interessante Sicht der Dinge auch wissenschaftlich untermauern?

Cristian Kollmann, Sprachwissenschaftler und Landtagskandidat der SÜD-TIROLER FREIHEIT, München/Laurein

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7 Kommentar(e)

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1

Meinungen ordnen
Ich versuche, die gegebenen Meinungen zu ordnen und in höhere Zusammenhänge zu bringen:

Kollmann und die STF wollen frei sein von Italien. Dafür brauchen sie jedenfalls die Bevölkerungsmehrheit. Der zweisprachige Unterricht schwächt die deutsche Bevölkerungsmehrheit.
Orfino und Freunde wollen Südtirol für Italien erhalten. Daher unternehmen und unterstützen sie alles, was die Freiheitsbestrebungen des Landes hemmt, zB die volkstümliche Schwächung der Deutschsüdtiroler.

Während der Drang des Menschen oder einer Volksgruppe, frei über sich selbst zu bestimmen, wohl keiner näheren Erörterung oder Begründung bedarf, muss ein Streben, eine fremde Volksgruppe und ein von ihr besiedeltes Gebiet zu beherrschen, sehr wohl begründet werden. Denn dieser Wille, jemand anderen zu beherrschen, schränkt eben dieses Recht der Selbstbeherrschung ein.
- Ein Grund für diese Überherrschung sei in kriegerischen Gründen zu finden. Die Brennergrenze sei einfacher zu verteidigen als eine Grenze südlich Bozens. Dieser Grund mag aber im heutigen Europa nichts mehr gelten, weil der Schutz durch ein Gebirge wegen der neuen Techniken nun nicht mehr so groß wie früher ist. Außerdem ist die Welt enger ineinander verzahnt, und große Kriege in Europa sind unwahrscheinlicher als früher.
- Da mag eine Wasserscheide als Grund für die Grenzziehung angeführt werden: Auch dieser Grund wiegt nicht mehr so schwer wie früher, da das Flusswasser heutzutage nur ganz selten für Trinkwasserzwecke genutzt und ansonsten ohnehin durch Kläranlagen gesäubert wird.
- Schließlich gibt es da noch die alte Fehlübersetzung bzw. -deutung des "IMPERIUM ROMANUM MAGNUM EST" (bzw. "Italia terra magna est"). Das MAGNUM hierin bedeutet nicht in gedanklicher Kurzsichtigkeit, dass die Landfläche groß sei! MAGNUM bedeutet mE allein, dass das Gemeinwohl, das Imperium, das Reich, höher als das Wohl des Einzelnen zu werten sei. Davide Orfino und seine halblateinischen Freunde legen diesen Satz so aus, dass Rom und Italien groß sind, weil sie es sein sollen. Und sie sollen groß sein, weil der italienische Staat bzw. das italienische Volk - wenn man desselben Sein behaupten mag - in irgendeiner Weise höherwertiger als die angrenzenden Ländereien und Völker sei.
Diese bewussten Fehlübersetzungen lateinischer Schrifttümer wurden von den Königen und Führern des Mittelalters und der Neuzeit geschaffen und haben sich bis heute gehalten. Die Könige und Führer brauchten eine intellektuell stichhaltige Begründung dafür, ihre Untertanen zum Kriegsdienst begeistern zu können.

2
Cristian Kollmann

@ Matteo Gesualdo Corvaja
Grüßgott, Herr Corvaja, auch von meiner Seite!

Niemand von der Süd-Tiroler Freiheit hat etwas dagegen, dass jemand mehrere Sprachen spricht, sondern wir sind der Überzeugung, dass es wichtig ist, vorher in der eigenen Muttersprache gefestigt zu sein, bevor man sich auf das vertiefte Studium anderer Sprachen einlässt.

Die Sprachminderheiten Italiens, die von klein auf mehrsprachig sind, sind gewiss nicht dümmer als der Rest der Bevölkerung. Das hat niemand von uns behauptet (und umgekehrt dürfen aber auch nicht jene, die „nur“ einsprachig sind, als dümmer eingestuft werden). Viele der von Ihnen genannten Minderheiten Italiens laufen Gefahr bzw. sind bereits auf dem Weg, aufgrund der starken Präsenz des Italienischen als Nationalsprache immer schwächer zu werden. Dasselbe gilt generell für die Dialekte und auch für die übrigen Sprachminderheiten in Europa wie in der ganzen Welt. Der Druck der Sprache des Nationalstaates existiert praktisch überall, und aus diesem Grund sind die Sprachen der Minderheiten besser zu schützen, und zwar ausnahmslos durch muttersprachlichen Unterricht (das würde ich mir auch für das Ladinische wünschen, wenn das Ladin Dolomitan endlich einmal als Dachsprache von allen akzeptiert würde; auch für das Furlanische)!

Was das Aostatal betrifft, so hat diese Region freilich eine andere Geschichte als Südtirol. Doch das Aostatal bildet historisch betrachtet ein Kontinuum zum französischen bzw. im engeren Sinne frankoprovenzalischen Sprachraum – genau so wie das deutsche Südtirol zum geschlossenen deutschen im engeren Sinne bairischen Sprachraum gehört und die deutsche Sprache in Südtirol nicht etwa den Status jener einer Sprachinsel hat (wie etwa das Frankoprovenzalische in Apulien, das Katalanische in Algher und das Albanische und Griechische in Süditalien). Tatsache ist, dass heute im Aostatal offiziell nur mehr 2 % der Aostaner angeben, das Frankoprovenzalische als Muttersprache zu sprechen, etwa im Gegensatz zu nach 1946, wo es noch über 90 % waren. Die in den 60er Jahren im Aostatal eingeführte mehrsprachige Schule hat wesentlich zum Schwund des Patois und auch zu dessen Prestigeschwund beigetragen. Sie schreiben, die Aostaner beherrschen sowohl das Italienische als auch das Patois. Wenn dies stimmt, dann sind die Aostaner zumindest soweit, dass sie sich, aufgrund des starken Assimilierungsdrucks des nationalistischen Italiens der 60er und 70er Jahre, zum Patois nicht mehr zu bekennen trauen.

Und was Südtirol betrifft: Dass die deutsche Sprache in Südtirol eher zunimmt, ist freilich erfreulich, und dies hat auch einen besonderen Grund. Dieser lautet MUTTERSPRACHLIHER UNTERRICHT, den viele andere Minderheiten leider nicht genießen können. Und wenn Südtirol einmal auch eine mehrsprachige Schule hätte, dann würde die Zahl der Menschen mit deutscher Muttersprache bzw. das Prestige des Deutschen ebenfalls sinken. Es würde also genau das passieren, was sich die Grünen und italienischen linken wie rechten Parteien nach dem Vorbild des Aostatals wünschen. Und genau eine solche Entwicklung möchten wir von der Süd-Tiroler Freiheit verhindern!

3

ich habe seit meinem 16ten Lebensjahr diese Problem-ebenfalss,wie viele andere Schulkollegen auch,2-sprachig aufgewachsen (ital./dt.)-ein Elternteil aus Ital. und Österr.,doppelsprachiger Unterricht von 13-19 in Rom,vorher in Wien einsprachig.Woher aber das Stootern konkret koam/kommt ist wahrscheinlich ein Mix an Faktoren,auch psychologische.Aber klar ist:2 oder mehr Sprachen verkoplizieren das ganze vermutlich...mfG,Alex

4
Cristian Kollmann

@ Davide Orfino
Sehr geehrter Herr Orfino!

Schön, dass auch Sie sich einmal wieder, und sogar namentlich, zu Wort melden.

Ihr Familienhintergrund ist mir bekannt, und dass Sie nicht stottern, weiß ich aus dem Gespräch, das wir vor einiger Zeit in Sterzing (speziell für Sie: Sterzen) führten. Auch über Ihre Deutschkenntnisse konnte ich mir ein recht gutes Bild machen.

Was ich aber hier klarstellen möchte: Ich habe nie behauptet, dass Mehrsprachigkeit das Stottern fördert, sondern ich berufe mich lediglich auf die jüngst erschienene Studie. Mir geht es einfach darum, dass die Befürworter der mehrsprachigen Schule neben den vielen anderen Studien fairerweise auch diese Studie zur Kenntnis nehmen und sie nicht à la Di Luca gewissermaßen auf den Kopf stellen sollten, weil sie nicht in ihr ideologisches Konzept passt. Herr Di Luca kann sich, genau so wie Sie, gerne auf eine Gegenstudie berufen, die ihm genehmer ist. Expertenmeinungen gehen bekanntlich oft auseinander. Doch sollte man sie, wenn man sie braucht, auch zitieren können.

5

Mehrsprachigkeit
Sehr geehrte Herr Dr. Kollmann,
Mein Gruß zuvor!

Wenn man behauptet, Zweisprachigkeit führe zu psychologischen Probleme oder zum Stottern, ist es zu pauschal.
Wie der User FF richtigerweise geschrieben hat, kann das Stottern verschiedene Ursachen haben, hat aber eher wenig mit Mehrsprachigkeit zu tun.
Ich selbst bin zweisprachig innerhalb eines einsprachigen Gebietes aufgewachsen (deutsche Mutter, italienischer Vater, aufgewachsen in Florenz), und habe es immer als Bereicherung empfunden.
In der heutigen Welt kann man sich es nicht mehr leisten, nur eine Sprache zu sprechen, da sitzt man auf der Verliererseite.
Und gerade in einer Grenzregion wie Südtirol, in der drei Sprachgruppen sich befinden, ist es wichtig, die Sprache des Nachbars zu beherrschen.
Denken Sie, an die vielen Sprachminderheiten, die sich in Italien befinden, und auch von kleinauf mehrsprachig aufwachsen: Sind die dümmer als der Rest der Bevölkerung?
Nehmen wir als Beispiel, die frankoprovenzalische Minderheit in Apulien, in den Gemeinden Faeto und Celle San Vito: Die Einwohner diese Gemeinden sprechen praktisch drei Sprachen: Frankoprovenzalisch unter sich, Apulisch mit den Menschen aus den Nachbargemeinden und Italienisch als Berufs- und Verkehrssprache.
Diese Sprachinsel besteht schon seit Jahrhunderten, und man könnte noch weitere, ähnliche Beispiele nennen: Die Katalanen in Alghero, die Arbereshe-Gemeinden in Süditalien, die Griechen im Salento und in Kalabrien, die Slowenen Julisch-Venetiens.
Sie bzw. Ihre Bewegung, zitieren immer, als Schreckensbild, den Rückgang des Französischen im Aostatal, dabei berücksichtigen Sie aber nicht, daß das Aostatal eine vollkommen andere geschichtliche Entwicklung hinter sich hat, und daß diese Region schon immer an die Geschicke Italiens ge- und verbunden war.
Im Aostatal gibt es keine ethnische Volkszählung wie in Südtirol, es gab nur eine Umfrage bezüglich der Muttersprache.
Und wer mal im Aostatal gewesen ist, weiss genau, daß die Menschen dort fast alle zweisprachig sind, und sowohl das Italienische als auch das Patois beherrschen.
Oder denken Sie an die Furlaner! 650.000 aktive Sprecher!
Ich bin der Meinung, daß Ihre Ängste mehr als unbegründet sind, da die deutsche Sprachgruppe in Südtirol eher zunimmt, während die Zahl der Italophonen ständig sinkt.

6

Mehrsprachigkeit und Stottern
Sehr geehrter Herr Kollmann,
ich und meine Geschwister, wie viele andere auch, sind mehrsprachig (zweisprachig in unserem Fall) aufgewachsen, da unsere Eltern Italienischer und Österreichischer Herkunft sind. Deshalb haben wir also von klein auf die italienische und die deutsche Sprache gelernt, also wenn wir sprechen gelernt haben, wurde uns als Kleinkinder beigebracht, in italienisch und in deutsch zu Sprechen. Keiner von uns hatte aber je Probleme mit dem Sprechen, keiner musste beim Sprechen stottern. Auch viele Freunde von mir, die von klein auf zweisprachig aufgewachsen sind und ebenso in jungen Kinderjahren mehrere Sprachen schon sprechen konnten, hatten nie Probleme mit Stottern.

Nur soviel zu Ihrer absurden Behauptung, Mehrsprachigkeit bei Kindern würde dazu beitragen, dass sie von Stottern gefährdet wären.

Auch ich bin der Meinung, dass Mehrsprachigkeit eigentlich nur klug machen kann!

Mfg
Davide Orfino

7

Kranke Parteien?
Es gibt keine eindeutige Zuweisung der Ursachen des Stotterns. Das kann verschiedene Ursachen haben, darunter auch psychologische:
Häufige innere Symptome sind Angst, Scham und Minderwertigkeitsgefühle.
Da könnte eine mehrsprachige Umgebung nicht unbedingt von Vorteil für solche Kinder sein.

Aber schon gar nicht läßt sich mit "Mehrsprachigkeit heilen" oder Grippe oder Krebs bekämpfen, wie es die Grünen angeblich behaupten.