Landesversammlung 2008: Grußworte von Julius Franzot
Sonntag, 28. September 2008
landesversammlung_2008_021.jpgEs liegt mir fern, die Geschichte der deutschsprachigen Minderheit in Triest auf die deutschsprachige Mehrheit in Südtirol zu übertragen, nur, sind hier alle so sicher, dass nicht eines Tages die Mehrheit zur Minderheit werden wird, wie es heutzutage schon in der Gemeinde Bozen Realität ist?

Wie Herr Etienne Andrione schon über die Lage der französischsprechenden, ehemaligen Mehrheit im Aostatal berichtete, gilt es, aus den Fehlern der anderen zu lernen, um dem, nennen wir ihn so, sozialen Druck nicht zu erliegen. In Triest kann ich mehrere Situationen erkennen, die an die Vorkommnisse im Aostatal erinnern. Der grundlegende Unterschied ist aber, dass die Deutschsprachigen in Triest schon immer eine Minderheit waren, seit dem von der Freien Kommune von Triest 1382 selbst beantragten Anschluss der Stadt an das Habsburger Reich.

Mit dem Begriff „Minderheit“ fängt die leidliche Geschichte an. Wie groß war und ist diese Minderheit? Statistiken aus der zeit der Monarchie sind spärlich, wurden vom Klerus und von der Gemeinde geführt und beide waren bemüht, sie nach Kräften zu fälschen und so bewegen sich die Zahlen zwischen 15% bei der kaisertreuen Kirche und 5% bei der pro-italienischen Kommunalverwaltung. Ich halte die Zahl von 10% für das Jahr 1880, die im Brockhaus steht, für realistisch und gehe in meinen Berechnungen davon aus.

Beim Sturz der Serenissima Ende des 18. Jahrhundert kamen zahlreiche Venezianer nach Triest und verdrängten damit innerhalb einiger Dekaden die ursprüngliche ladinische Sprache. Diese Venezianer waren erfahrene Seeleute, die ihren Dialekt nicht nur in die Stadt Triest einführten, sondern daraus die eigentliche Sprache der österreichischen Marine machten. Damit fand die erste Infiltrierung einer mit dem Italienischen verwandten Sprache in einen ansonsten von deutschsprachigen Österreichern dominierten Bereich. Es war die erste Impfung.

Die Auffrischung fand gegen das Ende des 19. Jahrhundert statt, als die Nachfahren der italienischen Karbonari in die Kulturszene Triests drangen, eigene Vereine gründeten, vor allem die Ginnastica Triestina, die offiziell das Gedankengut des Turnvaters Jahn propagierte, und damit der Obrigkeit unverdächtig war, aber insgeheim heftige Propaganda für Italien ausübte. Andere Kulturvereine und der Circolo Artistico der Malerei, ebenfalls mit Geldern aus Italien subventioniert, konkurrierten mit den etablierten österreichischen Vereinen, allen voran der Schillerverein. Es dauerte nicht lange, bis die finanzielle Überlegenheit der Italiener und die Tatsache, dass diese doch die Mehrheit in der Stadt stellten, eine starke Sogwirkung auf die Deutschsprachigen erzeugten, die sich zunehmend selbst italienisierten und die eigenen Wurzeln vergaßen. Dies ist besonders deutlich am eklatanten Beispiel des Siebenbürger Sachsens Hector Schmitz, der als Italo Svevo auf Italienisch geschriebene, aber den Geist der Wiener Psychoanalyse atmenden Romane „Ein Mann wird älter“ und „Zeno Cosini“ verfasste. In der Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Ersten WK wurde es immer stärker verpönt, sich zum Deutschtum zu bekennen, und dabei kamen vor allem zwei Argumente zur Anwendung:

Die Wiener Regierung und die katholische Kirche würden versuchen, Triest mit Slawen zu füllen. Da die Karbonari kirchenfeindlich waren, war jeder slowenische Priester ein gefundenes Fressen
Als Intellektueller könne man nur Italiener sein, da Österreich einem sinkenden Schiff gleiche und obendrauf ein Polizeistaat sei. Auf dem sinkenden Schiff waren Freud, Klimt, Schnitzler und andere Persönlichkeiten tätig, aber das wurde dem Volk verschwiegen.
 
Bald hieß es, dass nur Unterschichtleer keine italienischen Patrioten sein konnten und damit wurde der Stolz einer peinlich auf soziale Zugehörigkeit achtenden Stadt  gekitzelt. Als Folge davon, gingen diverse Klassen von Gymnasiasten, oft deutscher, slowenischer oder sonstiger nichtitalienischer Muttersprache, geschlossen nach Venedig, um sich in Italien zum Dienst an der Waffe zu melden.
Der Sieg Italiens im Ersten Weltkrieg wurde sehr publikumswirksam vermarktet, es wurde eine ganze Legende zusammengedichtet, die meisten Straßen Triests wurden nach den italienischen Kriegshelden genannt, schwungvolle, und in hohem Maßen rassistische, Volkslieder wurden neu erfunden und zum immer-da-gewesenen Volksbrauchtum erklärt. Der Stadt und ihrer Einwohner war bereits vor dem Krieg viel Geld und Wohlstand im Falle eines Anschlusses an Italien versprochen worden. 1915 wurden auch etwas reifere Personen angesprochen und ihnen handfeste Vorteile als Belohnung für die Unterstützung Italiens zugesichert.

Nach dem Krieg war Italien so bettelarm, dass es gar nichts verteilen konnte. Mussolini bereitete sich auf den Marsch auf Rom vor. Über die Hälfte der deutschsprachigen Triestiner hatte gleich beim Einstimmen der ersten Chore große Gefahr gewittert und hatten die Stadt geräuscharm verlassen. Es gab einen Exodus nach Marburg, heute Maribor, aber die Spuren davon sind akribisch beseitigt worden.

Während der Duce-Zeit fingen die ersten Umsetzungen von Italienern in industriellen Maßstab an, Namen und Familiennamen wurden zwangsübersetzt, alle nichtitalienischen Schulen und Vereine wurden geschlossen. Diese Maßnahmen trafen in ersten Linie die Deutschen, die Slowenen wurden erst später zur Zielscheibe der Faschisten. Man merke sich, dass Deutschland und Österreich immer als besonders gefährlich angesehen wurden, die Deutschsprachigen immer als potentielle Erzfeinde betrachtet, bis man sie im Rundumschlag als Nazis abstempeln konnte und damit durften sie gar nichts mehr sagen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es zwar keinen Faschismus mehr, aber der soziale Druck auf die Deutschsprachigen hatte nicht nachgelassen. Die aus Istrien vertriebenen Aussiedler waren dankbare Italiener und freuten sich, den Hinrichtungen in Jugoslawien entkommen zu sein.

Aus den 10% des ausgehenden 19. Jahrhunderts waren 1950 maximal 5% Deutschsprachige übriggeblieben. Die KZ hatten auch ihren blutigen Beitrag zu diesem Schwund geleistet. Der soziale Druck hat so bis heute nicht nachgelassen.

Bei Mischehen ist es bis heute unüblich, dass die Kinder auch Deutsch lernen, der deutschsprachige Elternteil spricht heute meistens eine Mischsprache zwischen Altwienerisch und Triestinisch, die Kinder wachsen meistens mit Deutsch als Fremdsprache auf, lernen die Sprache entweder bei den entwurzelten Eltern oder in der Schule bei italienischen Lehrern, die der richtigen Aussprache und Wortwahl nicht mächtig sind und so dafür sorgen, dass ihre Zöglinge in Deutschland oder Österreich sofort als Ausländer identifiziert werden. Genau das ist das Ziel Italiens: Die Minderheiten sollen im Land, wo die Minderheitssprache mehrheitlich gesprochen wird, sofort auffallen. So werden sie gedemütigt nach Italien zurückkehren und es umso mehr als Vaterland empfinden. Den Begriff „Heimat“ gibt es auf Italienisch nicht.

2007 hat eine kleine Gruppe Mutiger, zu denen ich mich selbst zählen darf, den Schillerverein neu gegründet und alle zwei Wochen einen Stammtisch auf Deutsch ins Leben gerufen. Über diese Initiative beichtete die Presse eher halbherzig, aber wir konnten über andere Kanäle die meisten Deutschstämmigen, die heute in Triest wohnen, informieren. Das Publikum bei den kostenfreien Veranstaltungen und beim kostenfreien Stammtisch besteht vorwiegend aus Italienern, die ihre verblassten Deutschkenntnisse aufbessern wollen. Die Deutschen trauen sich immer noch nicht
.

Julius Franzot
Vertreter des mitteleuropäischen Kulturvereins aus Triest

landesversammlung_2008_021.jpg


Aufgerufen: 288 | Drucken

Kommentare (3)
1. 30-09-2008 12:38
 
Trieste/Trst/Triest
Triest (wie auch Fiume/Rijeka) war eine multikulturelle, mitteleuropäische Stadt am Meer. 
Mir tut es immer leid, wenn eine Sprachgruppe vom Aussterben bedroht ist, aber die Sache so darzustellen, daß die Österreichische Monarchie hauptsächlich deutschsprachig gewesen sei, ist eindeutig falsch.
IP: 141.2.191.30
 
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können
2. 30-09-2008 09:40
 
@ H
Das stimmt nicht, Ich kenne seit urlanger Zeit Triest wie meine eigene Westentasche. Die Alt-Triestiner und ihre Nachkommen haben eine äussert positive Einstellung zu Österreich und zu der Zeit als Triest noch das Tor zur Welt der ganzen Monarchie war, also vor 1918 über fast 400 Jahre lang. Österreich hatte nur einen grösseren Hafen bis 1918 gehabt, nämlich Triest, Italien hat hingegen dutzende von Häfen in dieser Grösse und brauchte Triest als Konkurrenz nicht unbedingt noch dazu, aber eine Feder mehr am Hut des Nationalismus ganz sicher. Dennoch, die Geschichte ist so verlaufen und wir müssen das auch akzeptieren, Triest ist heute eine überwiegend italienische Stadt. Ich bin nicht unglücklich mit diesem Weg, da ich mir kaum vorstellen kann, dass andere Mächte, die in der Geschichte Anspruch auf diese Stadt erhoben haben, mit dem historischen Erbe dieser Region so umgehen würden, wie gerade die Italiener in Triest. Eine slowenische Stadt Trst würde wohl alle anderen Ethnien ausschliessen, das hat man in Istrien und Dalmatien in der ganzen Geschichte seit 1945 bis Jahrhundertwende ganz deutlich gesehen. Ich möchte gar nicht in solchen Mustern denken, aber das wird uns allen von bestimmter Seite immer wieder aufgezwungen, sei es in Triest oder in Süd-Tirol, daher ist das die Pflicht aller Patrioten die verbrieften Rechte einer Minderheit zu verteidigen.
IP: 195.3.113.167
 
Markus Anton
3. 29-09-2008 20:27
 
@ H
Und es sind leider doch einige Gemeinsamkeiten zu erkennen. Als traurigstes Beispiel die von vielen nicht akzeptierte Liebe zu Österreich. Legt euch weiter ins Zeug, daß es nicht so weit kommt wie vielerorts in Italien!
IP: 194.242.217.217
 
H

Kommentar schreiben
  • Bitte orientieren Sie Ihren Kommentar am Thema des Beitrages.
  • Die hier veröffentlichten Kommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Bewegung SüD-TIROLER FREIHEIT - Freies Bündnis für Tirol wieder.
  • Die Bewegung SüD-TIROLER FREIHEIT - Freies Bündnis für Tirol distanziert sich in jedem Fall von ehrverletzenden, jugendgefährdenden, rassistischen und extremistischen Inhalten.
  • Persönliche Angriffe und/oder Diffamierungen werden gelöscht.
  • Das Benutzen der Kommentarfunktion für Werbezwecke ist nicht gestattet. Entsprechende Kommentare werden gelöscht.
  • Bei Fehleingaben laden Sie diese Seite bitte neu damit ein neuer Sicherheitscode generiert werden kann. Erst dann klicken Sie bitte auf den 'Senden' Button.
  • Der vorgenannte Schritt ist nur erforderlich, wenn Sie einen falschen Sicherheitscode eingegeben haben.
Name:
E-mail:
Homepage:
Titel:
Kommentar:

Sicherheitscode:* Code
Ich möchte NICHT per e-Mail über weitere Kommentare zu diesem Artikel informiert werden.

Powered by AkoComment Tweaked Special Edition v.1.4.6
AkoComment © Copyright 2004 by Arthur Konze - www.mamboportal.com
All right reserved

 
< zurück   weiter >
Advertisement

Service-Bereich

Marsch gegen Faschismus

weitere Videos online - Link
 

Aktionen

  • Aktuelle Aktion!

Seiten durchsuchen

PayPal Spenden

Ihre Online Spende für den
Werbekatalog der
SÜD-TIROLER FREIHEIT
Summe
Währung