Buchbesprechung von Dr. Margareth Lun: Georg Klotz - Freiheitskämpfer für die Einheit Tirols
Mittwoch, 25. August 2010
georg_klotz_flucht.jpgIn kann mich genau erinnern, wie ich das erste Mal die Biografie von Jörg Klotz gelesen habe. Es war im Oktober 2002 und ich lag gerade mit einer Grippe im Bett. Ich war schon ganz neugierig drauf, und nun hatte ich endlich Zeit, mit dem Lesen zu beginnen. Dass mich dieses Buch aber dermaßen fesseln würde, das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Ich las und las und las ... den ganzen Tag, den ganzen Abend, bis in die Nacht. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Und ich las, bis das Buch fertig war.

Als mich Elmar Thaler vom Verlag Effekt! und Eva Klotz heuer im Frühjahr fragten, ob ich bereit wäre, die Neuauflage des Buches zu lektorieren, da sagte ich natürlich nicht nur gleich erfreut zu, sondern es war für mich auch eine gewisse Ehre, mit dieser Aufgabe betraut zu werden.

Etwas, was mich gerade als Historikern an dieser Biografie besonders fasziniert hat, ist, wie es der Autorin gelungen ist, dieses Buch über ihren Vater so kurzweilig, über weite Strecken fast in Romanform zu schreiben, und doch inhaltlich historisch korrekt und mit einer ganzen Fülle von Hintergrundinformationen.


Nicht lehrmeisterlich, aber doch aufschlussreich und zugleich leicht verständlich ist die politische und historische Situation dargestellt, in der sich Südtirol in den 50er und 60er Jahren befand.


Durch die direkte Rede der einzelnen Beteiligten, die häufig als gestalterisches Element in den Text eingebaut ist, ist man als Leser plötzlich mitten drin im Geschehen: Man lebt und erlebt mit, man denkt mit, und es gelingt einem, sich in die Denkweise von Männern hineinzuversetzen, die den bei Gott unbequemsten Weg gewählt haben, um ihrer Heimat zu dienen: jahrelang auf der Flucht, der Verzicht auf ein Leben mit der eigenen Familie, von vielen angefeindet, fern jeder Bequemlichkeit, und oft einsam und allein.


Da ist man als Leser dabei, wenn Jörg Klotz Bunker und Verstecke für sich und seine Waffen baut, und man fiebert mit, wenn die Familie noch nicht weiß, ob der Vater heil davongekommen ist, als der Unterschlupf in Walten verraten und von der Polizei gesprengt wird. Man verfolgt aufmerksam mit, wie Jörg Klotz in Linz sage und schreibe 14 Tage im Hungerstreik ist, um die Willkür der österreichischen Exekutive ein für allemal in die Grenzen der Gesetzmäßigkeit zu weisen, und man erlebt seine Zerrissenheit, als ihm ein Friedensangebot unterbreitet wird.


„Wie leicht und gut hätte er es daheim in Walten haben können. Er hätte als Schmied und Sägewerksbesitzer sein Auskommen gehabt“, schreibt die Autorin bereits in der Einleitung, und sie stellt sich die Frage: „Was trieb diesen Mann in den ungleichen Kampf, in eine solche Situation, verfolgt von einer ganzen Staatsmacht, gejagt von einem ganzen Heer und gefürchtet von ganz Italien!“


Eva Klotz hat mit diesem Buch Geschichte aufgeschrieben, die gar nicht objektiv sein kann. Es ist aber Geschichte, die authentisch ist, – die Erlebnisse der Tochter, der Familie, die einen Vater hat, der so ganz anders ist als alle anderen Väter; ein Vater mit einem unglaublich starken Charakter, ein Vater, der letztlich aber auch seine Familie dem Kampf um die Freiheit der Heimat opfert. Die Familie bewundert ihn, auch wenn dieses Leben ihr viel Verzicht abverlangt, Angst, dass der Vater entdeckt oder verraten werden könnte, und die Ohnmacht, ihm nicht helfen, nicht nahe sein zu können, wenn er in Not, verlassen und allein ist.


Eva Klotz begibt sich zu Beginn des Buches auf die Spuren des Vaters, der am 11. September 1919 geboren wurde, nur wenige Stunden, nachdem die Friedensmächte in Saint-Germain die Zerreißung des Landes Tirol und die Angliederung des südlichen Teils an Italien beschlossen hatten. Sie verschweigt nicht die Fasziniation ihres Vaters für Hitlerdeutschland, und zeigt auf, dass seine Hoffnungen bereits im Krieg, in dem er schwer verwundet wurde, zerschlagen wurden.


Eva Klotz gibt Einblick in den unglaublichen Einsatz, den er für den Wiederaufbau des Schützenwesens investiert, das nach Jahrzehnten von Faschismus und Krieg zum Erliegen gekommen ist, aber auch in ganz private Momente: Wie er auf einer Zugfahrt seine spätere Frau Rosa kennen gelernt hat, er im Trachtenanzug und sie im Dirndl, wie sie endlich heiraten können – sie werden die ersten im Passeiertal sein, die wieder in Tracht heiraten –, und über die Familie.


Eva Klotz beschreibt, wie und warum seine Entscheidung gefallen ist, zum Mittel der Gewalt zu greifen, über den Beginn seiner Kampfhandlungen, und wie er zu Italiens Staatsfeind Nummer eins wurde.


Bemerkenswert ist, wie sachlich es der Autorin gelingt, über Personen zu schreiben, die sich als Spitzel anwerben ließen, über Agenten, die nicht nur Jörg Klotz, sondern auch seiner Familie größten Schaden zugefügt haben, wie etwa Anton Platter aus St. Martin in Passeier, der Rosa Klotz, Dr. Karl Frötscher und Rudl Marth ins Gefängnis gebracht hat, und über Spione, die letztendlich auch das Leben seines besten Freundes Luis Amplatz auf dem Gewissen haben, wie die Brüder Kerbler.


Etwas vom Spannendsten im ganzen Buch sind wohl die vierzig Seiten, in denen Eva Klotz die Flucht ihres Vaters beschreibt, nachdem er in einem Heugaden auf den Brunner Mahdern um Haaresbreite dem Mordanschlag entgangen ist. Aufgrund der Erinnerungen und der Aufzeichnungen ihres Vaters sowie der Verwandten ihrer Mutter, die ihn auf dieser Flucht ein Stück des Weges begleitet haben, rekonstruiert sie in den kleinsten Details den 42 Stunden dauernden Gewaltmarsch bis über die rettende Grenze: mit seiner schweren Schussverletzung, mit lädierten Armen, nach vielen schlaflosen Nächten, die italienischen Verfolger mit Hubschraubern und Suchhunden im Nacken! Unvorstellbar, unglaublich, dass ein Mensch das schafft! Doch am Ende dieses furchtbaren Leidensweges stand nicht der Tod, sondern das Leben. Für ihn bedeutet diese Flucht eine entscheidende Wende. Was in den kommenden, den ,österreichischen Jahren‘, geschah, was seine Haltung, seine Gesinnung betraf, ist nur zu verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, was während dieser zweiundvierzig Stunden in Jörg Klotz vor sich gegangen ist.


Besonders beeindruckend ist aber auch, auf welche Art und Weise Eva Klotz ihrer Mutter, Rosa Pöll mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt hat: überaus feinfühlig – und doch mit einer solchen Aussagekraft, wie es wohl nur eine Tochter tun kann, die zwar von ihrem Vater Kampfgeist und Durchhaltevermögen geerbt hat, – der aber die Mutter an jedem Tag vorgelebt hat, im Alltag unter oft widrigsten Verhältnissen Stärke zu zeigen, Rückgrat zu haben, sich nie den Mund verbieten zu lassen und nie aufzuhören, auf das Recht zu pochen.


Wer hier liest, wie sie als alleinerziehende Mutter, den Mann im Untergrund, im Exil oder im Gefängnis, für die Familie gesorgt hat, wie sie als Lehrerin fast zur Gänze allein für deren Lebensunterhalt aufkommen musste, in x Hausdurchsuchungen und Schikanen von der italienischen Polizei drangsaliert wurde, wer erfährt, wie Rosa Klotz als sechsfache Mutter vierzehn Monate und zehn Tage eingesperrt war, während ihre Kinder – das Jüngste erst fünf Jahre alt – auf Verwandte und Bekannte aufgeteilt werden, der kann nicht anders als tief beeindruckt zu sein, wie diese Frau ihr Leben gemeistert hat.


Aber der Leser erhält auch eine leise Ahnung, was die Kinder in dieser Zeit mitgemacht haben. Wenn Eva Klotz erzählt, wie sie als 15-Jährige in Passeier die jüngeren Geschwister zusammenbringen, die Fahrt organisieren und jedes Mal die Bewilligung beim Bozner Gericht beschaffen muss, damit die Kinder nach einer nervenaufreibenden, demütigenden Prozedur endlich für 30 Minuten im Bozner Gefängnis ihre Mutter besuchen dürfen, und welche Tragödie, welche Qual jedesmal der Abschied ist, dann geht das einfach unter die Haut.


In der Zwischenzeit hat aber auch Jörg Klotz in Österreich mit größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Der offiziellen Politik sind Südtirolaktivisten nicht mehr genehm, weil Österreich in die Europäische Gemeinschaft drängt und sich von Italien unter Druck setzen, wenn nicht gar erpressen lässt. Das geht nicht nur so weit, dass Jörg Klotz zu einem Zwangsaufenthalt mit täglicher Meldepflicht in Wien verdonnert wird, sondern es kommt sogar zur absurden Situation, dass wohlgemerkt das österreichische Heer an der italienische Grenze Soldaten positioniert, die auf Freiheitskämpfer schießen sollen, wenn diese illegal die Grenze passieren wollen.


Jörg Klotz hat in Österreich nicht nur Kampfgefährten, sondern er findet auch gute Freunde, Menschen, die es gut mit ihm meinen und die ihm helfen, so etwa Joschy Felder, dessen Tante Rosa Winkler in Absam, bei der er wohnen kann, und viele andere.


Aber das quälende Heimweh wird er trotzdem nie los. Im Juli 1963 wird er zum letzten Mal sein Haus in Walten betreten, und im Juli 1965 das allerletzte Mal Südtiroler Boden.


Anfang Jänner 1965 entsteht das letzte Familienfoto, auf dem niemand fehlt. Später werden immer wieder Rosa Klotz mit einigen Kindern oder auch ein paar ältere Kinder allein den Vater besuchen, aber in den späteren Jahren wird es sich nie mehr ergeben, dass alle beisammen sind.


Im Ruetztal, das zur Gemeinde Telfes im Stubaital gehört, gelingt es Jörg Klotz noch, eine Waldarbeiterexistenz aufzubauen, aber es ist alles nur eine Notlösung. Nicht einmal 57 Jahre alt, stirbt er, allein, auf dem Weg zwischen seiner Blockhütte und dem Tal, an einer Lungenembolie. Erst als Toter darf Jörg Klotz wieder heim in seine geliebte Heimat. Schützenabordnungen nehmen den Sarg am Brenner in Empfang und begleiten ihn bis nach St. Leonhard, wo er unter Anteilnahme einer riesigen Menschenmenge bei dichtem Schneetreiben beigesetzt wird.


Das Bild, das Eva Klotz in diesem Buch von ihrem Vater zeichnet, ist ein sehr feinfühliges. Es ist ein Bild, das sich vermutlich erst beim Entstehen dieses Buches, durch die zusätzlichen Recherchen und das Niederschreiben der eigenen Erinnerungen in dieser Detailgenauigkeit herauskristallisiert hat. Die Autorin ist stolz auf diesen Vater, der eine unglaubliche Willensstärke hat, der wissbegierig und belesen ist, opferbereit und unbeugsam. Aber sie verschweigt auch nicht seine Fehler und seine Schwächen. Jörg ist oft nervös, er ist ein Kettenraucher, er verlangt seiner Frau, seinen Kindern größte Opfer ab, und vor allem ist er oft zu vertrauensselig und hat eine schlechte Menschenkenntnis.


Die Biografie über Jörg Klotz ist auf jeden Fall ein Buch, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.


Diese vorliegende Neuauflage ist etwas erweitert, vor allem aber finden sich darin neue, bisher unbekannte Fotos, aber auch aufschlussreiches Kartenmaterial über das Operationsgebiet und die Fluchtwege sowie über seine Aufenthaltsorte in den Jahren 1960 bis 1976.


Mein Dank gilt vor allem der Autorin, dass sie sich die Mühe gemacht hat, das mittlerweile vergriffene Buch zu überarbeiten und zu ergänzen, aber auch dem Verlag Effekt!, dass er die Biografie neu herausgebracht und so wieder einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht hat.

Margareth Lun


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Kommentare (2)
1. 25-08-2010 23:59
 
We shall overcome some day!
Die Süd-Tiroler konnten zu keinem Zeitpunkt der Geschichte seit der Annexion des Landes durch Italien 1919 bis heute demokratisch und frei die Frage der eigenen ethnisch-politischen Selbstbestimmung in diesem Staat beantworten, weil Italien als Macht der ethnischen Fremdbestimmung in der Provinz Bozen es bis jetzt immer so wollte. Über dieses Faktum kann auch niemals die unter so schwierigen Umständen erkämpfte Autonomie hinwegtäuschen, sie kann höchstens nur als Übergangslösung für Süd-Tirol betrachtet werden, bis es auch für dieses Land in Europa eine freie Wahl zwischen Status quo und einem Neuanfang geben kann.  
 
Ich habe neuerlich zufällig ein Lied der amerikanischen Sängerin Joan Baez "We shall overcome" gehört. Es wurde auch im Hinblick auf die Vorenthaltung der demokratischen Rechte für so viele große Minderheiten in den USA der 60er Jahre geschrieben und auch so verstanden worden, sei es politischer, ethnischer oder anderer Art. In Süd-Tirol wird das Recht auf eine freie Beantwortung der ethnischen Frage der Selbstbestimmung immer noch im Jahr 2010 einem ganzen Volk vorenthalten. Man darf bei dieser Gelegenheit noch an die geschlossene Selbstbestimmung Petition der Süd-Tiroler Bürgermeister an den Österreichischen Nationalrat in Wien aus dem Jahr 2006 erinnern. Dieses noch so politisch gemeinte Lied dieser großartigen amerikanischen Liedermacherin gibt vielen bedrängten oder ihrer Rechte beraubten Menschen auch heute noch sehr viel Hoffnung, dass auch sie einmal am Ziel ihrer Sehnsüchte und politischen Wünsche ankommen werden, auch in Süd-Tirol.  
 
 
http://www.youtube.com/watch?v=EqUgXJ5zCV0&feature=related
 
Markus Anton
2. 25-08-2010 19:15
 
Danke Eva
es war ein sehr interessanter Vortrag 
da man wieder einige neue Details erfahren hat. 
Aber eines ist sehr gut zu Tage getreten , Du und Deine Geschwister aber vor allem Eure Mutter haben einen sehr grossen Anteil an dieser 
grossen LAST Der Familie Klotz zu tragen gehabt. 
Und hätte ich etwas zu sagen dann hätte Eure Mutter schon längst das Verdienstkreuz sowohl von Süd-als auch von Nord TIROL erhalten , denn verdient hat Sie es allemal. 
Dafür seid Ihr leider in der falschen Partei,aber wir Patrioten  
wissen um Eure grossen Opfer und Verdienste und werden es Euch  
IMMER DANKEN . 
Hermann
 
Hermann Taber

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