Gedenkrede am Andreas Hofer-Denkmal in Meran am 21. Februar 2010 von Sepp Mitterhofer
Dienstag, 2. März 2010
sepp_mitterhofer.jpgWerter Schützenkurat, verehrte Stadträtin, lieber Schützenhauptmann, Marketenderinnen und Schützen, liebe Landsleute! Das 200jährige Gedenkjahr der Tiroler Freiheitskämpfe von 1809 ist nun zu Ende gegangen. Wir Tiroler haben ein ganzes Jahr mit verschiedenen Gedenkfeiern und Veranstaltungen sowie Errichten von Gedenktafeln und Steinen sowie Theateraufführungen in den Dörfern der schicksalsschweren Zeit der Freiheitskämpfe im fernen Jahr 1809 gedacht.

Der Höhepunkt war sicher der große Landesfestumzug in Innsbruck am 20. September. Es war eine Pracht und ein Genuss, die vielen verschiedenen Gruppen und Trachten zu sehen, welche die kulturelle Vielfalt des Landes Tirol widerspiegeln.

Weniger schön waren die Polemiken, die im Vorfeld über die Dornenkrone und die Transparente mit den politischen Aussagen geführt wurden. Die Politiker diesseits und jenseits des Brenners wollten ja nur einen folkloristischen Schönwetter-Umzug gestalten. Das ist ihnen aber durch die Hartnäckigkeit des Südtiroler Schützenbundes versalzen worden. Es wurden auch Aussagen von namhaften Politikern gemacht, die für das Zusammenwachsen der drei Landesteile Süd-, Ost- und Nordtirol absolut nicht förderlich waren.


Uns Freiheitskämpfer wollten sie auch nicht beim Festumzug dabei haben. Acht Monate haben sie uns hingehalten. Erst 12 Tage vor dem Festumzug habe ich die schriftliche Zusage erhalten und da war ihnen unsere politische Botschaft auf unserem Transparent „Trotz Autonomie die Heimat in Gefahr – Selbstbestimmung für Südtirol“ noch zu aussagekräftig. Erst als ich Andreas Khol klar machte, entweder sie genehmigen diesen verhältnismäßig harmlosen Text oder wir werden die Konsequenzen daraus ziehen, haben sie einen Rückzieher gemacht.


Der durchgehend starke Applaus bei den Zuschauern hat die Richtigkeit unserer Entscheidung, beim Umzug mitzugehen, bestätigt.


Doch nun zurück in die Zeit um 1809:


Mit Stolz können wir unserer Vorfahren gedenken, denn ihre kämpferischen Leistungen (sie waren ja keine kriegerisch ausgebildeten Soldaten) waren in der damaligen Zeit eine heldenhafte Leistung! Ganz Europa hat gestaunt und das kleine Bergvolk bewundert, mit welchem Mut es sich gegen den übermächtigen Feind gewehrt und in mehreren Schlachten siegreich aus dem Land vertrieben hat.


Andreas Hofer, der Oberkommandant von Tirol wurde in ganz Europa als der Held und Anführer der aufständischen Tiroler bewundert, der imstande war, mit seinen Landstürmern und Schützen den großen, allseits gefürchteten Feind zu schlagen.


Wo haben diese einfachen Leute diesen Kampfgeist und Überzeugung zum Widerstand her? War es der Glauben, Heimat- oder Vaterlandsliebe oder die Treue zum Hause Habsburg?


Sicher haben diese Gründe alle dazu beigetragen, aber das stärkste Motiv war sicher das tief verwurzelte Gefühl der Freiheit. Wir Tiroler sind nun einmal ein freiheitsliebendes Volk und wenn es unterdrückt wird, wie es damals durch die Bayern in der Ausübung ihrer Religion, durch Erhöhung der Steuern und Einschränkung verschiedener kultureller Bräuche geschehen ist, dann kann und ist es zu einer Anhäufung von Unmut und Entwicklung von ungeahnten Kräften gekommen, dass sie solch große Opfer auf sich genommen haben.


Man hat nie offizielle Zahlen gehört, aber es müssen ja mehrere tausend Tote auf tirolerischer Seite gewesen sein. Dazu kommen die Brandschatzungen nach der Niederlage; es wurden mehrere Dörfer angezündet und geplündert. Das Land war ausgeblutet und wirtschaftlich am Boden und konnte sich erst langsam wieder erholen.


Können wir von unseren Vorfahren etwas lernen, hat ihr Kampf letztendlich nicht nur Leid und Elend über ihre Heimat gebracht? Auf den ersten Blick scheint es so. Man darf aber nicht übersehen, dass der heroische Kampf der Tiroler ein Fanal für die europäischen Staaten war, der dann drei Jahre später zum Kampf und Sieg über das gefürchtete napoleonische Heer geführt hat.


Uns zeigt der heldenhafte Kampf von 1809, dass der starke Freiheitswillen der Tiroler einerseits und die Unterdrückung durch die Bayern andererseits eine Opferbereitschaft erzeugt haben, eben solche Leistungen zu vollbringen. 

Wir Südtiroler haben heute nicht die gleiche, aber eine ähnliche Situation:

Wir sind seit über 90 Jahren fremd besetzt, von einem Staat, der von der Anektion bis heute nicht anderes im Sinne hatte und noch hat, als uns zu italienisieren! Unsere Muttersprache ist in Gefahr, unsere Identität und unsere Tiroler Kultur sind in großer Gefahr.


Wirtschaftlich sind wir bei einem bankrotten Staat, der in der EU nur von Griechenland überholt wurde. Die enorme Staatsverschuldung muss irgendwann bezahlt werden und wir hängen mit drinnen. Die Justiz ist nicht mehr imstande, die Prozesse des skandalgebeutelten Staates aufzuarbeiten. Was wollen wir noch bei diesem elenden Staat, über den ganz Europa spöttelt und lacht?!


Der Parlamentarier unserer stärksten Partei, Karl Zeller hat vor einem knappen Jahr öffentlich erklärt, dass unsere dynamische Autonomie tot ist, sie ist schon jahrelang rückläufig!


Ja, warum läuft man dann noch krampfhaft einem toten Gebilde nach, das uns volkstumspolitisch keine Sicherheit mehr bietet, ja nie geboten hat? Sie war zwar eine gute Übergangslösung, aber mehr nicht, denn sie konnte und kann die schleichende Assimilierung nicht aufhalten. Wer dies nicht sieht, will es eben aus bestimmten Gründen nicht sehen. Unsere Mehrheitspartei wird auch früher oder später einsehen müssen, dass Südtirol bei diesem Staat keine Zukunft mehr hat; dass wir der Mischkultur entgegengehen.


Der Südtiroler Heimatbund propagiert schon seit ca. 30 Jahren das „Los von Italien“ durch Selbstbestimmung und zwar in einem oder zwei Schritten. Ob es zuerst ein Freistaat ist und später die Wiedervereinigung oder ein zehntes Bundesland, das hängt dann von der jeweiligen politischen Situation bei der Abstimmung ab. Da spielen so viele Gründe eine Rolle, dass es heute sehr schwer zu sagen ist, welches Modell günstiger ist. Das allerwichtigste ist zur Zeit die Aufklärung der Bevölkerung in allen drei Tiroler Landesteilen.


Die überparteiliche „Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung“ hatte schon mehrere Aussprachen mit hohen Funktionären der Mehrheitspartei, mit mehr oder weniger Erfolg. Es braucht noch etwas Zeit und muss eben reifen. Der Ausgang der Gemeinderatswahlen wird bestimmt auch dazu beitragen. Ebenso die autonomiefeindliche Berlusconi-Regierung, wenn sie weiterhin Scheibe für Scheibe von unserer viel gelobten Autonomie herunter schneidet. Die römische Politik muss uns zu Hilfe kommen, sonst schaffen wir es nicht, dazu sitzen derzeit die richtigen Leute am Ruder. Das beste Beispiel ist wohl das durch Zufall abgeschaffte faschistische Dekret über die Ortsnamenregelung, das sie dann nach ein paar Tagen wieder rückgängig gemacht haben. Oder die Renovierung des Siegesdenkmals mit Steuergeldern, eine wirklich gemeine Schandtat und einmalig in Europa! Wer da nicht merkt, was der italienische Staat mit uns vorhat, der ist mit Blindheit geschlagen.


Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen bis zum Ersten Weltkrieg. Denken wir an die vielen Standschützen und Soldaten, welche im Ersten Weltkrieg unsere Heimat einer vielfachen Übermacht des Feindes so heldenhaft verteidigt haben. Denken wir an die Lebensbedingungen, denen diese Männer in 3.000 m Meereshöhe und darüber in Kälte, Schnee und Eis unterworfen waren. Ebenso an die vielen Lawinenopfer, welche für den Nachschub sorgen mussten und deren Zahl höher ist, als die der eigentlichen Kriegstoten.


Welch große Verbitterung mussten die übrig gebliebenen Soldaten und deren Familien in Südtirol erlebt haben, als sie nach dem Ersten Weltkrieg trotz der großen Opfer zusehen mussten, wie die hohe Politik Südtirol vom Vaterland Österreich abtrennt und einem fremden Staat der Willkür auslieferte. Damit nahm das Schicksal unserer Heimat seinen Lauf.

 

Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ist durch die brutale Unterdrückung und Ausbeutung unseres Landes zur Genüge bekannt. Die unselige Option hat die Südtiroler vor eine unmenschliche Entscheidung gestellt. Sie mussten zwischen Heimat und Volkstum entscheiden. Mehrere Südtiroler haben sich aus Verzweiflung das Leben genommen. 75.000 sind ausgewandert und nur mehr ca. die Hälfte ist nach dem Krieg zurückgekehrt. Das war ein starker Aderlass für unsere von der Unterwanderung ohnehin schon geschwächte Volksgruppe.


Dazu kommen noch die ca. 8.000 Kriegstoten, welche in fremden Ländern für eine Wahnsinnsidee kämpfen mussten und letztendlich gar nicht wussten, für welches Ideal sie ihre Leben opfern mussten. Sie alle verdienen unseren höchsten Respekt und unsere Anerkennung, denn es gibt nichts Höheres als für das Vaterland sein Leben zu geben!


Aber das damalige Nazi-Deutschland war nicht unser Vaterland, Hitler hat uns an Mussolini verraten und verkauft. Bis zum Zusammenschluss war Österreich unser Vaterland und Tirol unsere Heimat!


Vergessen wir aber auch unsere Toten nicht, welche in der Faschistenzeit in Ausübung ihrer Gewissenspflicht für den Erhalt unserer Muttersprache ihr Leben lassen mussten, wie z.B. Josef Noldin und Angela Nikoletti. Oder den Lehrer Franz Innerhofer, der in Bozen beim Messeumzug einen jungen Trommler aus der Gefahrenzone der schießenden Faschisten retten wollte und dabei selbst erschossen wurde.


Vergessen wir auch jene Männer nicht, welche in den sechziger Jahren an den Folgen der brutalen Folterung in den Carabinieri-Kasernen ihr junges Leben lassen mussten.


Oder Sepp Kerschbaumer, der im Gefängnis von Verona an Herzversagen gestorben ist, weil er beim Sprengstoffprozess die ganze Verantwortung übernommen hatte und die Belastung für sein geschwächtes Herz einfach zu groß wurde.


Oder auch die jungen Leute, welche willkürlich und ohne Vorwarnung von den Besatzern erschossen wurden und jene, welche an den Folgen des Freiheitskampfes allzu früh ihr Leben einbüßen mussten.


Aber auch an Luis Amplatz wollen wir denken, der auf der Brunner Mahder im Schlaf von gedungener Mörderhand erschossen wurde.


Aus humanen Gründen wollen wir auch jene jungen Soldaten nicht vergessen, welche in Ausübung ihrer Pflicht durch die fehlgeleitete römische Politik in Südtirol ums Leben kamen.


Es ist die Aufgabe eines Kulturvolkes seiner Toten zu gedenken und es wäre ein Armutszeugnis, wenn es sie vergessen würde!


Abschließend noch ein kurzer Blick auf die heutige politische Situation in unserer Heimat. Sie ist nicht gerade rosig, aber auch nicht deprimierend. Denken wir an den starken Zulauf der Jugend zu den patriotischen Verbänden und Parteien. Wenn es auch nicht die Mehrheit ist, aber sie sind von ihrer Handlungsweise überzeugt. Sie wollen mehr politische Sicherheit in unserer Heimat, die ihnen die Autonomie nicht bieten kann.


Die Mehrheitspartei ist in ihrer Selbstherrlichkeit, Opportunismus und Postenschacher ein Geldverteilungsapparat geworden und ist nicht mehr glaubwürdig.


Darum müssen die patriotischen Kräfte zusammenstehen und die Idee der Selbstbestimmung mit dem „Los von Italien“ verstärkt unter der Bevölkerung verbreiten. Das ist der einzig richtige Weg, um einen gerechten Frieden in unserem Land herzustellen. Jeder einzelne hat die Aufgabe und Pflicht, in seinem Umfeld dafür zu werben.


Nur wenn wir zusammenhalten und an einem Strang ziehen, können wir unser Ziel erreichen. Der Druck von der Bevölkerung wird letztendlich auch die Politiker der Mehrheitspartei irgendwann soweit bringen.


Ich schließe mit einem Satz vom international bekannten und geschätzten Völkerrechtler und Südtirol-Freund, den er vor mehreren Jahren im Grieser Kulturheim gesagt hat: „Keine Macht der Erde kann einem Volk auf die Dauer die Selbstbestimmung vorenthalten, auch Italien Südtirol nicht, aber wollen und fordern muss man sie!“

 


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Kommentare (1)
1. 04-03-2010 10:55
 
Danke
Eine beachtenswerte Rede, die sehr gut den gegenwärtigen Stand festhält. 
 
E.Ekat
 
E.Ekat

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