| Buchbesprechung: „Il fascismo degli italiani“ von Patrizia Dogliani |
| Sonntag, 27. Dezember 2009 | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
Das Buch, erschienen im italienischen Verlag Utet, stellt eine große Überraschung dar: Erstmals wird hier von einer italienischen Historikerin, Prof. Patrizia Dorigani, geboren 1955, die an der Universität Bologna lehrt, eine sozialgeschichtliche Analyse des Faschismus vorgelegt. Voll des Lobes dazu auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung:„Frau Dogliani räumt nicht nur in der italienischen Faschismusforschung mit zahlreichen Mythen auf, sondern stellt unbeabsichtigt auch manche liebgewonnenen Vorurteile der Forschung über den Nationalsozialismus in Frage. Für sie steht etwa fest, dass der erste moderne Vernichtungskrieg nicht 1939 in Polen, sondern schon 1935 in Abessinien stattfand. Nicht die NSDAP, sondern der Partito Nazionale Fascista (PNF) hatte nach ihrer überzeugenden Berechnung den höchsten Organisationsgrad aller Parteien außerhalb der Sowjetunion. Auf dem Höhepunkt war über die Hälfte der italienischen Bevölkerung in der Partei organisiert. Nicht nur im nationalsozialistischen Deutschland, sondern auch in Mussolinis Italien fand, wie die Verfasserin darstellt, eine aktive eugenische Politik statt. Und es gab für Frau Dogliani einen "italienischen Weg zum Rassismus", der teilweise durchaus einen biologischen Charakter hatte.“ Außerdem weist die Historikerin klar nach, dass der Rassismus in Italien nicht nur vom Duce ausging, sondern von der gesamten Führungselite getragen wurde. Es gab auch in Italien Übergriffe gegen Juden und deren Eigentum, wobei die Historikerin unter anderem die Übergriffe vom Sommer 1942 und Sommer 1943 beschreibt und sie eine „piccola Guerra totale ( kleiner totaler Krieg)“ nennt. So wurden in Triest am 18. Juli die Synagoge zerstört, am 19. Juli 1943 wurden viele jüdische Geschäfte ausgeraubt. Auch der Totengräber Südtirols, Ettore Tolomei, wird im Buch unter dem Unterkapitel „Italiani per forza ( Italiener durch Gewalt)“ genannt. So schreibt Dogliani: „Ettore Tolomei war in den Nachkriegsjahren von den Reihen der rechten Irredentisten in jene der faschistischen Bewegung gewechselt, für welche er zum Senator gewählt wurde. Sprachforscher und Geograf, wurde er auch sehr von seinen Kollegen kritisiert für die Leichtigkeit und Phantasie, mit der er Sprachprobleme und Ortsnamen- Probleme löste …. . Er behauptete, dass mehr als 80% der Orts- und Familiennamen des Gebietes unterhalb des Brenners lateinischen Ursprungs seien, obwohl heute bewiesen ist, dass sehr viele Namen aus dem deutschen Mittelalter stammen oder aus vorrömischer Zeit sind. ..“ Sehr ausführlich mit Zahlen und Fakten belegt das Buch die gezielte Zuwanderung der Italiener in Südtirol: 7000 Italiener- 3% im Jahre 1918, 1939 zählt die Historikerin in den Tälern bereits 58% Italiener, also bereits eine italienische Mehrheit! Auf Seite 295 lebt die italienische Kolonialpolitik auf: „Die Eroberung von Äthiopien zwischen dem Oktober 1935 und Mai 1936 wurde von den Generälen De Bono, Graziani und Badoglio geführt, als ein echter Krieg der Ausrottung, nicht unähnlich dem, was die Nazis vier Jahre später im östlichen Europa, beginnend bei Polen, mit dem Ausmerzen der nationalen Intelligenz wiederholten. Die Befehle, die Mussolini beim betreten von Addis Adeba gab, am 3. Mai 1936, war die summarische Tötung der geistigen Führung und der …Giovani Etiopi … religiösen Führer, … Zauberer, … Medizinmänner, …Geschichtenerzähler … all jener, welche einen antiitalienischen Widerstand organisieren hätten können“ Die Folge dieser Befehle war, dass zum Beispiel nach dem Anschlag auf General Graziani am 19. Februar ein Massaker an der Zivilbevölkerung (Unabhängige Zeitungen sprechen später von 1.400 bis 6.000 Ermordeten- R.L.) erfolgte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt unter der Feder von Wolfgang Schieder zu diesem Buch auch: „Wenn irgendeine zeithistorische Untersuchung in das Deutsche übersetzt werden sollte, dann diese“.
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