Sepp-Kerschbaumer-Feier in St. Pauls: Tirol gedenkt seiner Helden
Dienstag, 8. Dezember 2009
kranz.jpgTrotz Regenwetter gedachten auch dieses Jahr wieder am 8. Dezember in St. Pauls/Eppan mehr als 1.500 Schützen und viele Zivilisten aus ganz Tirol Sepp Kerschbaumer und der Tiroler Freiheitskämpfer der fünfziger und sechziger Jahre. Neben der Führungsriege des Südtiroler Heimatbundes und der Kommandantschaft des Schützenbundes wohnten auch zahlreiche Landtagsabgeordnete der Feier bei. Die Hl. Messe las dankenswerterweise wie alle Jahre Pater Rainald Romaner.

Die Gedenkrede hielt  Landesrat a. D. Sepp Mayr in der Kirche, da es draußen in Strömen regnete. Sepp Mayr hat Sepp Kerschbaumer persönlich gekannt und ist u. a. Schriftführer der Arbeitsgruppe für Selbstbestimmung.

Nachstehend die vollinhaltliche Rede des Landesrates a. D. Sepp Mayr bei der Gedenkfeier am 8. Dezember 2009 in St. Pauls:

Liebe Tiroler Landsleute!

Am 7. Dezember im fernen Jahre 1964 ist Sepp KERSCHBAUMER
im Gefängnis von VERONA verstorben. Seit dem darauffolgenden Jahr 1965 zeichnen der Südtiroler Heimatbund sowie der Südtiroler Schützenbund, stets von kirchlicher Seite unterstützt und begleitet, verantwortlich für die Gedenkveranstaltung, zu der wir uns heute hier in St. Pauls eingefunden haben. Neben Sepp KERSCHBAUMER wollen wir ebenfalls seiner verstorbenen Mitstreiter gedenken, an Luis AMPLATZ, an Franz  HÖFLER, an Toni GOSTNER, an Jörg  KLOTZ und an Kurt WELSER. Niemals vergessen sollten wir aber auch, welch harte Schicksaalschläge in der damaligen dramatischen Zeit, viele Familien und deren Angehörige, oft bis zur bitteren Verzweiflung, erleben und ertragen mussten.

Wenngleich wir uns vor allem der Ereignisse der 1950-iger und 1960-iger Jahre in erster Linie besinnen, wollen wir, in dem bald zu Ende gehenden GEDENKJAHR, auch all jene in dankbaren Erinnerung mit einbeziehen, die sich für unser LAND von 1809 herauf bis in die heutige Zeit eingesetzt haben, auch den vielen Gefallenen und Vermissten, welche Südtirol in den beiden Weltkriegen in hoher Zahl zu verzeichnen hatte, respektvolle Ehrerbietung erweisen.

Zu Sepp KERSCHBAUMER aber, den ich in den 1950-iger Jahren recht gut kannte, seien mir doch einige persönliche Worte gestattet:

In der Nachkriegszeit wurde er in den ersten frei gewählten Gemeinderat der Gemeinde EPPAN als Mitglied des Gemeinderates gewählt. Doch dieses ihm anvertraute Amt wollte den Patrioten KERSCHBAUMER nicht zufrieden stellen, denn er, als vorwiegend politisch fühlender und denkender Mensch, wollte sich, auch als SVP. Ortsobmann von FRANGART, zur damaligen Zeit, in der zufolge organisierter Zuwanderung eine beklemmende Bedrängnis sich breit machte, verstärkt um volkstumspolitische Interessen kümmern. Die vielseitigen Einsätze von Sepp KERSCHBAUMER, im LANDE aber auch im AUSLAND, sind hinreichend bekannt, so dass ich mich auf einige besondere Merkmale seiner Persönlichkeit beschränken möchte.

Er stand, um was immer es gehen sollte, zu dem, was er gemacht hat. Diese Haltung allein hat uns, auf die heutige Zeit bezogen, in der Gleichgültigkeit und Opportunismus bedenkliche Ausmaße angenommen haben, als Beispiel viel zu bedeuten.

Er war tief religiös und allein ob dieser seiner Einstellung kann ihm niemand, auch Gerichte nicht, bewusst gezielte Tatbestände mit tragischem Ausgang, unterstellen, welche über reine Sachschäden hinausgehen.

Die Haltung von Sepp KERSCHBAUMER gegenüber Mitmenschen ging weit über den gebräuchlichen Begriff praktizierter Nächstenliebe hinaus. Erinnert sei beispielweise nur daran, dass er, als Kaufmann im stadtnahen FRANGART, vielen zahlungsunfähigen italienischen Arbeiter- Familien aus dem Bozner Schanghai-Viertel, Lebensmittel überlassen hat, für die er nie bezahlt werden konnte und auch nie bezahlt wurde!

Diese und viele weitere außergewöhnliche Eigenschaften des Sepp KERSCHBAUMER waren auch der Gegenseite recht gut bekannt, doch er sowie viele seiner Mitstreiter mussten folgenschwere Folterungen und Musshandlungen über sich ergehen lassen, die an Demütigungen von Menschen nichts überbieten können. Diese Fakten und Tatsachen sind aufschlussreichen und in fundieren Abhandlungen festgehalten und sollten, wenigstens von Zeit zu Zeit nachgelesen werden, um politisch Übermütige in die Realität zurückzuholen.

Weil aber in einer KIRCHE, für meine persönliche Vorstellung, doch nicht der geeignete Ort für Ab- und Auf- Rechnungen von auch noch so bedauerlichen und verwerflichen Missständen und unzulässigen Ausschreitungen ist, möchte ich nur noch unmissverständlich festhalten, dass bis heute, nie und von keiner offiziellen Seite, auch nicht im Entferntesten, ein Wort des Bedauernd bzw. gar eine Geste der Entschuldigung für diese menschenverachtenden Übergriffe gefallen ist. Das ist Tatsache und diese festzuhalten, muss erlaubt sein!

Verehrte Anwesende!

Eine weitere zum Abschluss und im Rückblick auf das GEDENKJAHR herausragende Überlegung ergibt sich für Unterfertigten auch deshalb, weil es als Teilnehmer an den Landesfestumzügen von 1959, von 1984 und von 2009, möglich ist, einige Schlussfolgerung zu ziehen, die man nicht einfach, „wegstecken“ kann, wie man zu sagen pflegt. Aber der Reiche nach zuerst, wie immer das Gute!

Nach gutem Brauch und Sitte, ist all das Positive im Gedenkjahr, was zur Stärkung des Selbstbewusstsein der TIROLER und zur Zukunftsorientierung der Jugend geleistet und unternommen wurde, in erster Linie hervorzuheben. Ein ehrlicher Dank sowie Anerkennung sind dafür angebracht und müssen ausgesprochen werden! Aber noch etwas muss zur Ehre der Wahrheit auch vermerkt werden dürfen: weder 1959, noch 1984 hat es unter TIROLERN, bau aufgetretenen Meinungsverschiedenheiten derart unangemessene verbale Eskapaden gegeben, wie solche im Vorfeld des Landesfestumzugs 2009 gefallen und umso bedauerlicher sind, wenn dafür vom Volke gewählte Vertreter als Verantwortliche zeichnen. Entweder diese namentlich doch recht gut bekannten Volksvertreter wissen über die Ausdrücke und Begriffe wie „Zündler“ und „Ewig- Gestrige“ einfach nicht Bescheid, oder aber, man hat, mangels sachlicher Argumente für Entgegnungen, im Schnellschuss, völlig unüberlegt unzulässige Äußerungen von sich gegeben, die in ihrer generalisierenden Art und Weise viele Landsleute beleidigt haben.

Entschuldigen wären angebracht. Sollten die Verantwortlichen dafür den Mut aufbringen, sollten sie auch angenommen werden, denn das, was geschehen ist, „passt einfach nicht für Tiroler!“. Sofern aber eine Beilegung dieses Zwischenfalles nicht erfolgt, werden die Verantwortlichen im fernen Jahre 2034, im nächsten Gedenkjahr, dokumentarisch belegt, nachzulesen sein. – Für das überwiegende Positive im Gedenkjahr wird Dank und Annerkennung zuerkannt, unzulässige Auswüchse aber, weil unangebracht und völlig unangemessen, werden auch im Sinne einer minimalen Selbstachtung, bis zur Stunde einer Rücknahme, abgewiesen!

Liebe Landsleute!

Es mag wohl gut formulierende Universitätsprofessoren und Gelehrte geben, doch so kurz, so prägnant, so zutreffend und überzeugend wie ebenfalls von Herzen kommend, wie das vergleichweise vor 25 Jahren, der Bauer und Landeshauptmann von TIROL, Eduard WALLNÖFER, nach dem Landesfestumzug am 9. September 1984, einem ORF- Journalist zu SÜDTIROL erklärt hat, das gibt es 25 Jahre später leider nicht mehr. Landeshauptmann Ed. WALLNÖFER hat folgendes erklärt: „Nach all dem, was wir heute hier erlebt haben, kann ich nicht weggehen, ohne neuerlich das Empfinden mitzunehmen, dass die Grenze durch das LAND, ein schreckliches Unrecht ist!“.
Verehrte Tirolerinnen und Tiroler!

Wir Südtiroler befinden uns in einem Gemeinwesen, auch STAAT genannt, den wir bekanntlich bestimmt nicht selbst ausgesucht haben. Jeder von uns kann verfolgen, wie das amtierende Staatsoberhaupt, wenigstens allwöchentlich, in öffentlichen Stellungsmaßnahmen und Ermahnungen, die amtierende Regierung, das Parlament, die Justiz, die Parteien, die Institutionen, die Behörden und Träger öffentlicher Interessen, ernsthaft ermahnt, die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit wahrzunehmen. Diese öffentlichen Aufforderungen, die es auf dem gesamten Kontinent in keinem anderen Staat gibt und erforderlich sind, sind für uns Südtiroler durchaus verständlich, denkt man beispielsweise an die desolaten Zustände, in denen sich das Justizwesen und viele andere Bereiche befinden!

Noch tief beeindruckt von den Ausführungen, die Sepp FORER im Vorjahr anlässlich der Gedenkfeier uns über eine Tonbandeinspielung mitgab, sei mir, im Konkreten, doch ein VORSCHLAG erlaubt, der mit niemandem abgesprochen und daher wohl auch kritik-, aber auch überlegenswert sein sollte. Dem um die Rechtsstaatlichkeit so besorgten Staatsoberhaupt darf  wohl in Erinnerung gerufen werden, dass zu diesen Grundsätzen, nach unerträglich langer Zeit, nachdem den Betreffenden weder Klageschriften noch Urteile zugestellt worden sind, die Aussperrung aus der eigenen Heimat endlich aufgehoben wird, wie immer ein solcher Vorgang in juristischen Form, „Begnadigung“ oder sonst was, sich nennen mag. Es kann doch nicht einem Rechtsstaat entsprechen,  Bürger eines Landes, ohne Urteilszustellung, zeitlebens von der eigenen Heimat auszusperren, eine Strafe, die in ihrer Härte sogar für Schwerstverbrecher verhängte „lebenslange Haft“ überschreitet.

Meiner Anregung möchte ich aber zwei Gedanken vorausschicken:

1. Es wird voll anerkannt, dass sich die POLITIK, sei es von Südtiroler Seite wie auch  seitens ÖSTERREICH und jeweils von höchsten Repräsentanten für eine Entfernung dieser politischen Altlast eingesetzt haben. Überzeugende Begründung für noch nicht erfolgte Entscheidungen stehen aber aus!

2. Zur Erinnerung möchte ich eine bedeutende Aussage des Oberhirten der Diözese, des Herrn Bischof Dr. Josef GARGITTER, anführen, welche der damalige Landesbischof anlässlich der Seelsorger- Tagung am 7.9.1983 abgegeben hat. Ich zitiere den Wortlaut:
„Wir leben in einem mehrsprachigen Lande. Jede Volksgruppe ist zu Recht bemüht, ihre Eigenart zu schützen und zu erhalten. Der deutsche und ladinische Südtiroler sei aus Überzeugung und mit frohem Stolz TIROLER und setzte sich sein für die Rechte der eigenen Sprachgruppe. Dasselbe gilt für die italienische Sprachgruppe; auch für sie ist unser LAND zur Heimat geworden. Liebe und Treue zur Heimat ist kein Nationalismus. Das gilt für alle drei Sprachgruppen unsrer Heimat. Dass ein friedliches Zusammenleben nicht problemlos ist, wissen wir alle. Doch wir haben die Pflicht, die bestehenden und neu entstehenden Probleme zu lösen. Dies setzt allerdings voraus, dass man ein friedliches Zusammenleben überhaupt will. Wir haben die Aufgabe, NEBENEINADER, MITEINANDER und FÜREINANDER zu leben und zu arbeiten“.

Wenn diese Grundsätze „Für alle drei Sprachgruppen gelten“, und wir „hier die Aufgabe haben, nebeneinander, miteinander und füreinander zu arbeiten“, dann sollte mein Vorschlag

in erster Linie von den Angehörigen der Direkt- Betroffenen oder von ihnen namhaft gemachten Personen ausgehen, die sich entschließen, ein direktes Gespräch für das berechtigte Anliegen mit dem Staatsoberhaupt zu suchen: Direkt- Gespräche soll man nie ausschlagen und direkte Gespräche sind auch für den Angesprochenen bzw. für die Gegenseitige äußerst problematisch.

Sofern diese Anregung von den Betroffenen aus irgendwelchen Gründen nicht als angemessen aufgefasst werden sollte, unterbreite ich in untergeordneter Folge, einen weiteren Vorschlag:

Ein aus allen drei im LANDE lebenden Volksgruppen bestelltes Personen- Komitee, sollte eine gleichlautende Initiative des direkten Gesprächs mit dem Staatsoberhaupt unternehmen, um damit noch überzeugender zu belegen, dass es nicht nur ein friedliches, sondern ein respektvolles Zusammenleben im LANDE gibt.

Liebe Landsleute, Tirolerinnen und Tiroler!

Nach diesem heutigen Tiroler- Pflicht- Termin zu gemeinsamen Gedenken an schicksaalsschwere Ereignisse in unserem LANDE, kehren wir sozusagen in unseren Alltag nach Hause zurück!

Auch die Politik im und für das LAND wird ihren Alltags- Verlauf nehmen!

Ein Aufruf oder gar Appell an die selbe, steht mir wohl nicht zu, doch auf etwas möchte ich abschließend noch verweisen, was wohl jeder von uns in verstärkten Ausmaße im Volke an die Adresse  politischer Verantwortungsträger, an alle Parteien im LANDE also, immer wieder verspürt:

Bei allen legitimen unterschiedlichen Auffassungen, die es in der großen Vielfalt an Anliegen und Problemen und bei sachbezogenen Gegensätzlichkeiten gibt und geben kann, sollte, ohne Aufgabe zustehender Eigenständigkeit, doch verstärkt versucht werden:

Wenn es um grundsätzliche und existenzielle Interessen und Anliegen für Südtirol, vornehmlich im volkstumspolitischen Bereich geht, parteiübergreifende Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten.

Verehrte Anwesende, liebe Tiroler!

Die Fahne allein, nützt nicht!
Es braucht im Alltag und in der Politik Frauen und Männer, die sie tragen – vorantragen!

Die Wahrheit allein nützt nicht!
Es braucht im Alltag und in der Politik Frauen und Männer, die sich auch sagen – die volle Wahrheit sagen!

Das verspüren wir immer deutlicher im Volke, das Volk im Lande braucht das, das Volk bedankt das auch!

Gedenkrede am 8. Dezember 2009, gehalten in der Pfarrkirche von St. Pauls im Gedenken an Sepp Kerschbaumer und seine Mitstreiter von Landesrat a. D. Sepp Mayr

Die Rede des Bundesobmannes Sepp Mitterhofer bei der Gedenkfeier folgt in den nächsten Tagen.

Auf den Kranzschleifen des Südtiroler Heimatbundes das klare Bekenntnis: „Tirol den Tirolern- Bleibt unser Ziel“

kranz.jpg


Sepp Mayr erhält für seine klaren Worte bei der Gedenkfeier aus den Händen von Bundesobmann Sepp Mitterhofer ein Bild von Sepp Kerschbaumer.

bild088_st.jpg


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Kommentare (1)
1. 09-12-2009 17:21
 
Schützen und viele "Zivilisten" aus ganz Tirol. Meines Erachtens eine etwas eigentümliche Wortwahl.
 
oje

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