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23-04-2008 12:28
 
Ne alsacez vous pas!
Diese Überschrift bedeutet: Bitte lass euch nicht "elsässern"! Das Land Elsass - franz. Alsace wirbt jetzt für sich mit dem Slogan: "L´Inspiration Alsace - Alsacez vous!" (Lassen Sie sich Elsässern!) Wie es gerade der Zufall so wollte, war ich mehrere Tage u.a. aus beruflichen Gründen in "Haut-Rhin" in Alsace - Elsass in Frankreich. Dieses Land ist in unserer Zeit als eine teilweise gerade noch deutschsprachige Landschaft und französische administrative Einheit "Ober-Rhein" bekannt. Die grösste Stadt dort hat einmal Mülhausen geheissen, jetzt heisst sie Mulhouse, und ist heute fast nur rein französichsprachig, von versprengten deutschen Strassenschildern und anderen Hinweisen abgesehen. Das Land Elsass is heute in zwei Regionen geteilt, die andere mit Strasbourg heisst "Bas-Rhin", also "Unter-Rhein". Dieses Land mit seiner damals 3/4 deutschsprachigen Bevölkerung ist 1918 wieder an Frankreich gekommen, und die Franzosen haben auch in diesem Sinne in den letzten 90 Jahren bis heute die ganze Arbeit der Romanisierung der Elsässer gemacht. Nur der bisherigen Nachlässigkeit, Unfähigkeit und "Faulheit" seiner "Meister der sprachlichen Umpolung" verdankt das Land Süd-Tirol bis heute, das es einem ähnlichen Schicksal entkommen ist, und das es heute noch ist, was es schon immer war, trotz Italianisierung durch seinerzeit gesteuerte massenhafte Zuwanderung durch Italiener und Förderung der Auswanderung der deutschsprachigen Süd-Tiroler vor allem nach Österreich. Heute befindet sich das Land Süd-Tirol ethnisch, sprachlich und kulturell dort, wo Elsass 1918-20 war, d.h. realistisch gesehen und wenn es sich nichts grundlegendes im Sinne der Selbstbestimmung in Zukunft für das deutschsprachige Land Tirol südlich des Brenners ändern wird, wird Italien noch wohl weitere 50-80 Jahre brauchen, um das Land endgültig zu italianisieren, und wo keine Änderung des status quo der AP Bozen aus sprachlichen und ethnischen Gründen mehr möglich sein wird. Das bedeutet, dass die Autonome Provinz Bozen nor noch 10 bis 20 Jahre Zeit hat, um sich aus dieser seinerzeit ungewollten und erzwungenen Umarmung der Italianitá zu befreien. Es ist eine bequeme Selbsttäuschung, wenn man in Hinblick auf die erreichte Autonomie in der Landespolitik glaubt, diese wird das Land Süd-Tirol vor Italianisierung immer bewahren. In einem Ort im Elsass z.B. wo ich gerade auch war, in St.Luis (früher St.Ludwig) sprechen heute alle nur die eine Sprache des Staates, bedingt durch Zuzug aus Frankreich und aus Kolonien, wo die alten und neuen Einwanderer klarerweise nur Französich als Lingua Franca verwenden. Dazu danken noch "die dankbaren Kindern von Alsace" auf historischen Kriegs- und anderen Monumenten, dass sie heute zu Frankreich gehören dürfen. Heute sprechen nur noch nach inoffiziellen optimistischen Statistiken in ganz Elsass gerade noch max.40% der Bevölkerung den eigenen uralten allemanischen Dialekt, vor allem in abgelegenen Ortschaften und zur Gänze nur noch am Land in Form von versprengten Sprachinseln. Die Städte sind jetzt schon grösstenteils alle frankophon geworden, vor 30-40 Jahren war das noch ganz anders. Aber sogar am Land findet man selten Hinweise auf Zweisprachigkeit dieser Region. Interessanterweise hat Frankreich nie versucht, wie Italien in Süd-Tirol, alle Ortsnamen durch aberwitzige Übersetzungen und Erfindungen zu ersetzen. Fast alle Orte heissen in Elsass noch so, wie sie schon immer geheissen haben, man ersetzte vieleicht nur ein "k" durch ein "c", "a" oder "u" durch "ou", oder ergänzte den deutschen Ortsnamen durch Zusatz z.B. Dambach-la-ville usw. Übrigens, der Dialekt und die Landschaft, die Kultur, die Lebensgewohnheiten der Elsässer erinnern sehr stark wegen Weinbau und der guten Küche an Süd-Tirol, oder an Österreich an die Gegend zwischen Wien und Baden. Die anderen topographischen Bezeichnungen sind heute dort alle ausnahmslos Französich und das bei 40% der Bevölkerung, die noch eine andere Sprache im Alltag verwendet. Dieses Land war aber auch vor mehr als 90 Jahren nicht rein deutschsprachig, da ein Teil des Landes Elsass-Lothringen im Deutschen Kaiserreich nach 1870/71 vor allem im Westen schon damals rein französischsprachig war, die Gegend um die Stadt Metz z.B. Die Geschichte dieses Landes war sehr wechselhaft, und die Elsässer wussten oft genug nicht selbst so genau, was sie wollten. Frankreich hat sich dort, wie es heute scheint, endgültig als Kulturnation ohne Wenn und Aber, aber erst in unserer Zeit durchgesetzt. Daran gibt es nichts zu deuteln, es ist ein Faktum. Das alte Elsass gibt es nur noch in Versatzstücken, oder man kann es nur in den Mussen, oder entlang der sog. Kulturstrassen besichtigen. Auf diese Weise kann man das Kulturland Elsass (das heute nur in Frankreich unter dem Namen "Alsace" bekannt ist und überall nur in dieser Form vorkommt), in Erlebnisdörfern "erleben", wie man anderwo auch selten gewordene Lebensweisen der Ureingeborenen "besichtigen" kann, natürlich meistens nur auf Französich, bzw. mit einem deutschen Fremdenführer, und wo der althergebrachten, alten Kultur nur ein musealer Wert zugestanden wird. Das, was noch davon übrig geblieben ist, hat die Kultur und die Zivilisation der heutigen Staatsmacht sehr geschickt integriert, und das wird heute nach innen und aussen als eigen und als klar französich ausgegeben. Nicht einmal dieses "Ein Bisserl" von Elsässertum, getrennt vom Rest des deutschsprachigen Raumes als eigenständige Minderheit, wird in "Bas- und Haut-Rhin", also in "Ober- und Unter-Rhein" von Frankreich grossartig gestützt, gepflegt oder gefördert. So kann man im ort (H)Ungersheim ein Écomusée unter Stichwort "Le pay et le village où l´histoire reprend vie" besichtigen, d.h. Ein Land und ein Dorf, wo die Geschichte erlebbar wird, aber natürlich die von Frankreich und nur auf Französich, als ob es im Elsass in der ganzen Geschichte nie etwas anderes als "La France" gegeben hätte. Für Interessierte gibt es im Elsass weitere Infotouren, wie die bekannten Weinstrassen, oder "Sentiers Viticoles" - Weinlehrpfade, "Route Romane d´Alsace", bzw. wo man kulinarische Genüsse kelnnenlernen kann, aber sogar da überwiegen die französichern Namen, wie Friands, Tarte aux pommes, quetsches, oignons, Foie gras, Munster Fromage-Käse, Bredele, Mignardises, Galletes de pommes de terre, Quiche Lorraine, Coq au vin, Crémant, Tarte flambée, Gugelhupf, Choucroute-Sürkrüt, Baeckeoffe, Köjelhopf usw. Sogar am Land, wo nur die Elsässer unter sich sind, werden in Lokalen diese Namen verwendet, aber auch als Hinweise auf die anstehenden Dorffeste, wie jetzt "La fête du Maibaum" et "La fête du Tanzboden". Während meines ganzen Aufenthaltes im Elsass habe ich die ganze Zeit die warnenden Hinweise der Frau Eva Klotz in einem der letzten politischen Themen-Beiträge auf dieser Seite der SF in Hinblick auf die mögliche weitere Entwicklung in Süd-Tirol wie seinerzeit in Elsass in Erinnerung gehabt. Das, was ich dort vorort selbst erlebt und gesehen habe, übertrifft weitgehends die schlimmsten Albträume und Befürchtungen, die man als gerade noch ethnische Mehrheit im eigenen Land im Staate der Fremdbestimmung haben kann. Die Süd-Tiroler in ihren schicken Trachten werden heute und morgen als bunte Staffage bei diversen Festen gebraucht, und übermorgen wird vieleicht Italien damit im Ausland im Zeichen der Italianità des Alto-Adige - Ober-Etschlandes schon werben können. Innerhalb des Stiefelstaates tat man und tut man ohnehin nie etwas anderes. Wie das mit einer Brechung der ethnischen Mehrheit geht, das hat man nach 200 Jahren Frankreich in Elsass jetzt gesehen. Es war, wie es heute scheint, eine Reise nach Frankreich ohne ethnische Wiederkehr und Wiedergeburt der elsässischen Sprache und Kultur, nicht einmal als neue nicht deutsche aber Elsässische Volksgruppe. Dieses eigenständige Land mit seiner noch so reichen Kultur ist mehr oder weniger untergeangen, und die Elsässer gibt noch heute als reine ethnische Minderheit in Frankreich, mit einer abnehmenden Tendenz. Möge das vieleicht eine Warnung für alle Entscheidungsträger in der Landespolitik in Süd-Tirol sein, die die eigene nähere Heimat vor einem ähnlichen Schicksal wie im Elsass bewahren wollen. Das Volk und Land Süd-Tirol hat jetzt und in diesen Jahren von der Geschichte ein Zeitfenster für die eigene Selbstbestimmung von vieleicht nicht einmal zehn Jahren bekommen, danach wird für alles wahrscheinlich zu spät sein, es sei denn es passiert noch ein Wunder und die Süd-Tiroler werden einmal frei ohne Gegendruck aus Italien über ihre Zukunft abstimmen können. Daher, Ne Alsacez vous pas!!! Lasst euch nicht "elsässern"!!!
IP: 195.3.113.166
 
Markus A.
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