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07-03-2008 10:52
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@ J.Franzot
Vielen Dank für Ihre Antwort. Ich selbst kenne Triest sehr gut, daher habe ich mir erlaubt, ein enig ihre Meinung zu kommentieren. Triest ist bis heute mehr oder weniger auf eine interessante Art ein "italienisches Alt-Österreich" in Italien mit allen seinen Eigenartigkeiten geblieben. Ausserhalb von Österreich kenne ich persönlich nur zwei Länder, wo das so stark und so manifest zum Vorschein kommt, und das ist Süd-Tirol und die Stadt Triest mit ihrer Umgebung und auch vieleicht ein wenig im Trentino. Eigentlich sind unsere Meinungen zu diesem Thema ziemlich gleich, nur die Akzente sind ein wenig anders. In der Monarchie waren in Triest die "Italiener" im sprachlcihen Sinne die stärkste ethnische Gruppe und die Österreicher haben sich damit überall in der Monarchie konstruktiv arrangieren müssen, dann folgten die Slowenen mit 25-30% und bis max. ca 20% "Deutschsprachige" Triestiner aus allen Teilen der Monarchie und Europa. In jeder Gesellschaft setzt sich langsam aber sicher die zahlenstärkste Sprache durch, das ist heute in Süd-Tirol auch nicht anders, wo auch viele vor allem junge Italiener sehr gut Deutsch können. Die Familiennamen im Telefonbuch aus Triest oder an den Türglocken in dieser Stadt sprechen in dieser Hinsicht eine klare Sprache. Diese Stadt und auch ihre Umgebung ist immer noch ethnisch, sprachlich und kulturell multinational. Italienisch ist aus vielen Gründen die "lingua franca" bis heute geblieben, und das war in der ganzen Geschichte auch nie anders gewesen. Das kulturelle Erbe von Alt-Österreich ist in Triest in verantwortungsvollen Händen, dazu auf Schritt und Tritt überall anzutreffen und die Italiener behandeln dieses Erbe eher als Teil der eigenen Identität und Geschichte sehr behutdam und ehrenvoll. Weiter südlich bis nach Pola in Kroatien gab es keinen Platz dafür, weder für Italianità, wo sie zu 100% begründet war, oder für die noch kümmerlichen Reste der alten Zeit unter Österreich als Kronland Küstenland oder Dalmatien, Krain. Das hat sich erst in den letzten Jahren stark gebessert. Das ist Gott sei Dank in Triest und Umgebung anders gekommnen, und darüber kann man als ein junger "Alt-Österreicher" heute nur froh sein. In einer slowenischen Stadt Triest-Trst hätten die beiden Kulturen wahrscheinlich keinen grosszügigen Platz bekommen, hätte die Geschichte nach 1945 anders entschieden. Daher ist mir in diesem Fall Hemd näher als der Rock, und wer mit mir und meiner Identität anständig umgeht, dem fühle ich mich zuerst verbunden und betrachte als meinen Freund. Auch Sie als deutschsprachiger in Triest geborener Schriftsteller Herr Franzot (falls sie mit dem Literaten aus Triest mit diesem Namen ident sind) sind auch ein gutes Beispiel für die lebendige Multikulturalität dieser Region. Dieses Klima der Toleranz kennen die Triestiner seit sie überhaupt als eigenes Völkchen existieren, und das ist heute auch nicht anders. Sie leben in einer grossartigen Stadt mit einer grossen Geschichte und mit vielen sich ergänzenden Gesichtern, eines davon gehört Alt-Österreich, es ist aber heute eine italienische Stadt mit starken Minderheiten und das ist bekanntlich eine grosse Chance und keine Bedrohung, genauso wie ich das auch im Fall von Süd-Tirol sehe, wo die Italiener in einer Minderheitenposition sind. Würde dem Land irgendwann die Selbstbestimmung gelingen, würde man in Süd-Tirol die tolerenten "Triestiner Verhältnisse" endlich bekommen. Heute ist das leider nicht der Fall, da zu viele noch nicht in Süd-Tirol mental angekommen sind, sondern in Alto Adige in der "siamo in Italia-Mentalität" verharren, und die Möglichkeit einer ethnisch, sprachlich und kulturell berechtigten demokratischen Klärung der Frage der Selbstbestimmung in Tirol südlich des Brenners gar nicht zulassen wollen. Das hat man in Triest Gott sei Dank aus meiner Sicht zwischen 1945-54 erfolgreich durchgesetzt und diese Stadt hat trotz mancher Probleme eine sehr gute Entwicklung in allen Bereichen der Gesellschaft bekommen. Auch das ist heute Italien mit einem edlen Zug, wo man die anderen Kulturen vorbehaltslos respektiert. Im Falle von Triest war das aber nicht so schwer, da heute die Alt-Österreicher in dieser Stadt und ihre Nachkommen eine sehr kleine Minderheit sind, im Gegensatz zu der Geschichte der Stadt, die von der Österreichs bis 1918 gar nicht zu trennen ist, und so kann man gerade in Triest eine vitale italienische Stadt mit einer starken aus der Geschichte resultierenden Identität erleben, die in Europa einmalig ist. In Triest zumindest passt für mich alles, und ich fühle mich dort immer wie Zuhause, was ich vom Rest des Landes Italien nicht behaupten kann, wenn auch es kaum Plätze gibt, die mir nicht gefallen würden. Italien ist fast überall ein wunderschönes Land, aber um S-TF zu zitieren: "Süd-Tirol ist nicht Italien."
IP: 195.3.113.170
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